
Alfred Defago - ehemaliger Botschafter der Schweiz in Washington
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Artikel - Alfred Defago, ehemaliger Botschafter der Schweiz in Washington
Weltmacht und Kleinstaat
Gedanken zum amerikanisch-schweizerischen Verhältnis
Ich lebe nun seit bald einmal 16 Jahren in den USA. Bei meinen regelmässigen Reisen zurück in die alte Heimat habe ich mich inzwischen daran gewöhnt, dass mich Freunde und Bekannte, manchmal sogar Unbekannte, darauf ansprechen, was denn die «Amerikaner» so über die Schweiz dächten. Die Frage kommt für den Gast aus Amerika so sicher wie das Amen in der Kirche.
Als vor mehr als einem Jahrzehnt unser Land wegen der nachrichtenlosen Vermögen und – damit verbunden – seiner Rolle im 2. Weltkrieg weltweit Schlagzeilen machte, war die Neugier besonders gross. Und in den letzten zwölf Monaten sorgten die reichlich ungeschicktenMachenschaften der UBS auf dem US-Markt erneut für grosses Interesse an der Frage. Viele Schweizer und Schweizerinnen scheinen anzunehmen, dass das ThemaUBS und damit auch die Schweiz in NewYork, Los Angeles, Miami und Des Moines, Iowa für Gesprächsstoff sorgen. Sie tun es nicht. Das beginnt einmal damit, dass ein Grossteil der Amerikaner keine Ahnung hat, dass die UBS überhaupt eine Schweizer Bank ist. Doch davon abgesehen plagen die Leute hier in den USA ganz andere Sorgen. Der desolate Immobilienmarkt, die massiv gestiegene Arbeitslosigkeit, aber auch der Krieg in Afghanistan beherrschen die Schlagzeilen. Und wenn Banken von sich reden machen, sind es in aller Regel amerikanische, nicht europäische Institute, deren Fehlleistungen fette Schlagzeilen liefern.
Wenn ich dies meinen Gesprächspartnern in der Schweiz darlege, sind sie nicht selten geradezu enttäuscht, dass es in den USA keine eigentliche Schweiz-Debatte gibt. Das habe wahrscheinlich mit der «sprichwörtlichen amerikanischen Ignoranz und Arroganz» zu tun, mutmasste kürzlich ein Bekannter in Bern. Nun sind allerdings Ignoranz und Arroganz keine amerikanische Eigentümlichkeiten. Auch aus dem eben zitierten Satz lässt sich Derartiges mühelos herauslesen. Bei nüchterner Betrachtung handelt es sich beim schweizerisch-amerikanischen Verhältnis um das zwischenstaatliche Verhältnis zwischen einer Nation vor mehr als 300 Millionen und einer von rund 7,7 Millionen Einwohnern. Mit andern Worten: Es geht hier um die Beziehungen zwischen einer Weltmacht und einem Kleinstaat. Das Grössenverhältnis sagt selbstverständlich nichts über den «Wert» der beiden Staaten aus. Aber es erklärt hinreichend, warum der grössere Partner in dieser Beziehung weit weniger auf das gegenseitige Verhältnis fixiert ist als der kleinere. Dieses Verhältnis ist im Übrigen insgesamt gut, ja sehr gut. Die politisch-diplomatische und wirtschaftliche Kooperation zwischen den beiden Ländern ist eng und alles in allem auch sehr erfolgreich. Natürlich gibt es «ups and downs», gibt es kleinere, manchmal sogar grössere Verstimmungen. Aber das gehört wohl zur Geschichte aller zwischenstaatlichen Beziehungen.
Die schweizerisch-amerikanischen Beziehungen sollten allerdings im grösseren Kontext der europäisch-amerikanischen Beziehungen gesehen werden. Und hier zeichnet sich – langsam aber sicher – ein neues, weniger enges Verhältnis ab. Vor allem Amerikas Interesse an Europa nimmt spürbar ab. Die Nation richtet sich aus geopolitischen wie demografischen Gründen mehr und mehr auf den pazifisch-asiatischen und – bis zu einem gewissen Grad – lateinamerikanischen Raum aus. In einem Land, das seit l965 eine massive Einwanderung aus Lateinamerika und Asien aufweist, wird das Interesse an Europa von Jahr zu Jahr naturgemäss kleiner. Wer in dieser Beziehung auf einen «Sonderfall Schweiz» spekuliert, hofft wohl vergebens. Das heisst allerdings nicht, dass man die schweizerisch-amerikanischen Beziehungen vernachlässigen sollte. Im Gegenteil. Gerade weil für die USA nicht-europäische Beziehungsnetze zunehmend Priorität gewinnen, bedürfen sie schweizerischerseits besonderer Anstrengungen. 


