
Marianne Binder - Chefredakteurin
Lesen sie auch:
Kolumnen:
Abo-Bestellung:
DIE POLITIK auf Facebook:
Editorial - Marianne Binder, Chefredakteurin
Wer im Glashaus sitzt ...
... soll nicht mit Steinen werfen. Diese praktische Anweisung ist imübertragenen Sinne nicht unumstritten. Sie besagt, wer selber schlechte Eigenschaften habe, dürfe diese den anderen nicht vorhalten. KeinWunder, sind wirmomentan verschnupft. Da geisselt ein Nicolas Sarkozy unsere privilegierten Rahmenbedingungen für Holdinggesellschaften, obwohl doch Frankreich in absolutistischer Tradition an Protektionismus für die eigene Volkswirtschaft kaum zu überbieten ist. Da wedelt der englische Premier Gordon Brown mit grauen und schwarzen Listen, und seine Kanalinseln erscheinen einzig in farbigen Ferienprospekten. Da fordert der amerikanische Präsident eine internationale Finanzmoral, ohne dass er die Praktiken des US-Staates Delaware auch nur erwähnt, wo man in ein paar Stunden anonym eine Firma gründen kann. Da verfolgen die Deutschen ihre Staatsangehörigen, ohne sich je zu fragen, weshalb ihre Steuermoral nicht ebenso hoch ist wie diejenige in der Schweiz. Zu guter Letzt röntgen die Italiener an der Tessiner Grenze die Autos, als versteckte sich bei uns dieMafia, während diese anderswo bestimmt leichter zu finden wäre.
Vielleicht ärgern wir uns zu sehr. Wer als Musterknabe so lange durchgegangen ist, nimmt die ungewohnten Angriffe persönlich und übersieht, dass es dabei weniger umuns geht als umdas Spiel der Interessen in einer globalisiertenWelt, in der jedes Land seine Stellung behauptenmuss. Plötzlich auch auf unangenehme Weise im Fokus zu sein, ist gewöhnungsbedürftig, aber weltweit nicht einzigartig. Es bedingt einen aufmerksameren Blick auf uns selbst von Aussen und von Innen, einen wacheren Blick über die Grenzen, mehr Nüchternheit in derWahrnehmung der wechselseitigen (Fehl-)leistungen, aber auch eine selbstbewusstere Haltung. Die Glasscheiben bleiben unversehrt.
Wir wünschen Ihnen eine schöne Weihnachtszeit. 


