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Artikel - Erwin Teufel, ehemaliger Ministerpräsident von Baden-Württemberg
Auf Augenhöhe verhandeln
Die Schweiz liegt mir nahe. Nicht nur geografisch, denn mein Haus ist genau so weit von Zürich entfernt, wie von Stuttgart, und ich bin zehnmal im Jahr in der Schweiz. Die Schweiz ist mir nahe, weil die Mentalität der Schweizer Bürger eng verwandt ist mit der Mentalität meiner alemannischen Heimat.
Vor allem aber habe ich Hochachtung vor der Schweiz, weil es den Schweizer Bürgern und ihren Regierungen im 20. Jahrhundert gelungen ist, das Land aus beiden Weltkriegen herauszuhalten, obwohl an allen Grenzen der Schweiz Krieg war. Freiheitswillen und demokratische Beteiligung der Bürger, Heimatverbundenheit und Weltoffenheit charakterisieren die Schweiz. Vier Sprachen und Kulturen verlangen von jedem Schweizer Politiker Toleranz, Fingerspitzengefühl und Kompromissbereitschaft. Die Schweiz hat hervorragende Hochschulen und behauptet sich mit seiner Wirtschaft auf den Märkten der Welt.
Aus all diesen Gründen habe ich Achtung vor der Schweiz, und ich liebe die grossartigen Landschaften und Menschen. Viele Jahre habe ich in guterNachbarschaft mit meinen Regierungskollegen der Nachbarkantone von Basel bis St. Gallen zusammengearbeitet. Auch zur Bundesregierung in Bern hatte ich regelmässig Kontakte. Vieles haben wir zum beiderseitigen Nutzen vorangebracht.
Wenn man gute Nachbarschaft pflegt, dann kann man auch unterschiedliche Auffassungen ertragen und sich um Lösungen bemühen. Das gilt bei Konflikten zwischenNachbarkantonen in der Schweiz und das gilt auch im gegenseitigen Verhältnis zu Deutschland und Baden-Württemberg. Wir konnten nicht hinnehmen, dass 90% aller Anflüge zum Flugplatz Zürich über denNorden, über Baden-Württemberg gehen.Wir haben kein Vertrauen in Sky-Guide, nachdem dort einiges schief gelaufen ist mit verheerenden Folgen.
Handwerker aus Deutschland müssen in der Schweiz die gleichen Chancen bei Vergaben haben wie Handwerker aus der Schweiz in Deutschland. Bauern aus der Schweiz dürfen beim Pachten von Grundstücken keine besseren Förderungen erhalten als deutsche Bauern. Immer geht es um das Gleiche: Fairness undGleichbehandlung auf beiden Seiten. Es muss gerecht zugehen, dann kommt man miteinander aus. Keiner darf Vorteile importieren und Nachteile exportieren.
Ich habe immer darauf geschaut, dass wir mit unseren Schweizer Nachbarn über gemeinsame Aufgaben und über Probleme auf Augenhöhe verhandeln und nicht von oben herab. Das gleiche empfehle ich Berlin. Ich halte es zwar für berechtigt, dass die Bundesregierung sich gegen Steuerflucht von Deutschen in die Schweiz wendet und von der Schweizer Regierung Regelungen und Offenheit auf Gegenseitigkeit erwartet. Ich habe es für grundverkehrt gehalten, dass der deutsche Finanzminister die Schweiz beschimpft und beleidigt hat. Das bringt in der Sache nichts und es zerstört, was vorher in Jahren an Vertrauen aufgebaut wurde.
Also: leben und leben lassen, dem anderen nichts zumuten, was man sich selbst nicht zugemutet sehen möchte. Gute menschliche Beziehungen aufbauen. So entstehen Vertrauen und gute Nachbarschaft. 


