Ursula Renold - Direktorin Bundesamt für Berufsbildung und Technologie (BBT)

Ursula Renold - Direktorin Bundesamt für Berufsbildung und Technologie (BBT)


Artikel - Ursula Renold, Direktorin Bundesamt für Berufsbildung und Technologie (BBT)

Die OECD sieht uns falsch

Seit Jahren behauptet die OECD, die Schweiz brauche eine höhere Maturandenquote und damit verbunden eine höhere Zahl von Hochschulabsolvierenden. Diese These von Aussen löst Echo im Innern unseres Landes aus.

Die OECD vergleicht bei ihren Analysen statistische Grössen, die unter den Ländern vergleichbar sind. Mit einer Maturitätsquote von rund 20 Prozent eines Jahrgangs steht die Schweiz vermeintlich schlecht da, weil im internationalen Vergleich nur die gymnasiale Matur zählt. Doch: Mit der Berufsmaturität kommen wir auf über dreissig Prozent. Das gleiche gilt für den so genannten höheren Bildungsbereich, denn die Schweiz hat eine tiefe Hochschulabsolventenquote und von der höheren Berufsbildung wollte die OECD bis vor kurzem nicht wirklich Kenntnis nehmen.

Statistische Vergleichszahlen müssen erst hinterfragt werden bevor man politische Forderungen ableitet. Ohne bildungssystemische und arbeitsmarktpolitische Einbettung verleiten sie zu falschen Schlüssen. Sollen wir zum Beispiel bedenkenlos die Behauptung der Akademien derWissenschaften übernehmen, eine höhere Maturaquote helfe den Akademikermangel in der Schweiz zu beheben? Wer garantiert denn, dass eine höhere Maturaquote die «richtigen», will heissen, die gesuchten Akademiker wie beispielsweise die Ingenieure, Naturwissenschaftler oder Mediziner hervorbringt?

Was ist zu tun?

Zuerst einmal: keine schnellen Interpretationen und Fehlschlüsse! Die entsprechende Vergleichszahl ist mit anderen relevanten Grössen inBeziehung zu setzen. Ferner sind gewisse Zusammenhänge zu hinterfragen. Auch der Dialog mit den ausländischen Partnern bringt uns weiter, wie jüngst das Beispiel eines Besuches des koreanischen Fernsehens zeigt. Die Journalistin fragte: Wie ist es zu erklären, dass trotz niedriger Matura- undHochschulquote die Schweiz beim globalen Wettbewerbsbericht des World Economic Forums den ersten Platz belegt? Durch den intensivenDialog auf internationaler Ebene können wir die Fakten ins richtige Licht rücken. Zumindest hat die OECD bei ihrem letzten Ländervergleich über die Berufsbildung der Schweiz nur Bestnoten erteilt und erstmals erkannt, dass ihre bisherigenAussagenüber die Schweizer Maturitäts- und Akademikerquoten relativiert werden sollten!

Wir müssen also weiterhin auf dem internationalen Parkett die ergänzende Bedeutung von allgemeinbildenden und berufsbildenden Bildungswegen zugunsten einer innovativen Volkswirtschaft und einer zufriedenen Gesellschaft zumThema machen. Denn:

  • Bei uns ist der Grossteil der Bildungsgänge ganz eng auf die Bedürfnisse des Arbeitsmarktes abgestimmt, was uns nicht nur eine tiefe Jugendarbeitslosigkeit beschert, sondern ebenso den Nachwuchs einer KMU-Wirtschaft sichert.
  • Durch das Nebeneinander von allgemein-akademischen sowie berufspraktisch Gebildeten sichert sich die Wirtschaft jenen Mix vonQualifikationen, der bei hohem Innovationspotenzial nötig ist. Denn jede technologisch geniale Idee braucht vielfältige Kompetenzen auf allen Bildungsstufen und in jeder Wertschöpfungsphase bis hin zum marktreifen und qualitativ hochstehenden Produkt.
  • Wir haben bei der Berufsbildung eine Win-Win-Situation zwischenBund, Kantonen und der Wirtschaft, denn die Kosten für die Lehrlingsausbildung sind tiefer als der Nutzen, welcher ein Lernender dem Unternehmen am Ende der Lehre stiftet. Das macht Ausbilden für Lehrbetriebe attraktiv.
  • Wir haben eine Berufsmatura, welche den Begabten auch in der Berufsbildung eine weiterführende Allgemeinbildung ermöglicht und damit alle Optionen für weiterführende (akademische) Bildungswege eröffnet. Das macht dieBerufslehre attraktiv und entspricht den modernen und vielfältigen Karrieren.
  • Schliesslich haben wir ein sehr durchlässiges System. Wer will und die nötigen Voraussetzungen mitbringt, kann jederzeit von der Berufsbildung in die Allgemeinbildung bzw. die akademischenBildungsgänge oder umgekehrt wechseln. Niemand ist mehr aus Karrierengründen gezwungen, ins Gymnasium zu gehen, wenn er lieber praktisch arbeitet.

Kurz: Wir haben – imUnterschied zu vielen anderen Ländern – ein gut ausgebautes und attraktives Bildungssystemmit hoher Durchlässigkeit, rückgebunden in die betriebliche Praxis, das ein lebenslanges Lernen in idealer Weise unterstützt. Wir tun gut daran, dieses System weltweit bekannt zumachen und nicht Fehlkonstruktionen anderer Länder nachzuahmen.


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http://www.die-politik.ch/de/archiv/ausgabe-8-2009/artikel/30_die-oecd-sieht-uns-falsch/
18-May-2010, 07:20 PM
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