Ausgabe 6 / 2012


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Interview mit Karin Frick - , Leiterin Research Gottlieb Duttweiler Institut

Die Indifferenten bewegen

Mit welchen Herausforderungen werden Parteien in ein paar Jahren konfrontiert sein? Karin Frick, Leiterin Research beim Gottlieb Duttweiler Institut (GDI) blickt im Interview in die Zukunft.

Karin Frick, wie wird sich die Welt in den kommenden 50 Jahren verändern?

An der Oberfläche wird die Welt nicht wesentlich anders aussehen. Unter der Oberfläche aber wird sie mit einem Netz unterlagert sein, das uns mit allen Gegenständen und auch untereinander verbindet. Ein Tisch wird auch in 100 Jahren wie ein Tisch aussehen, doch er wird gleichzeitig ein Interface darstellen. Alltagsgegenstände werden ein technisches Nervensystem haben. Vieles wird aussehen wie heute, aber als Computer mit uns interagieren.

Wir werden also die Veränderungen von blossem Auge gar nicht wahrnehmen können?

Die Technologie verschwindet aus dem sichtbaren Bereich. Umso wichtiger ist es, dass wir lernen, diese unsichtbaren Prozesse zu verstehen. Es werden wohl keine Computer mehr herumstehen, stattdessen werden diese überall integriert sein. Was wir heute im Notebook, Tablet oder Smartphone haben, die ganzen Technologien, die sich im Fernseher oder im Radio befinden, all dies wird in Zukunft rund um uns herum abrufbar: im Fenster, in der Flasche oder im Tisch.

Bedeutet die Technologisierung des Alltags auch, dass sich die Gräben zwischen Digital Natives – jenen, die mit modernster Technologie aufwachsen – und älteren Generationen vergrössern wird?

Nein, das bezweifle ich. Ein iPad können heute auch 80-Jährige bedienen. Meine Schwiegereltern nutzen Tablets und Smartphones, weil diese Geräte einfacher zu bedienen sind als zum Beispiel ein Notebook. Die Maschinen werden immer «smarter» und menschlicher. Diese Entwicklungen werden die Kluft zwischen den Generationen verschwinden lassen.

Gehen dafür andere auf?

Ja, und zwar die Kluft zwischen jenen Menschen, die die stetig wachsendenden Informationsmengen eigenständig und aufgeklärt reflektieren, und jenen, die sich verweigern. Letztere werden ein «programmiertes Leben» führen, während erstere das Potenzial haben, ihr Leben selber zu programmieren. «Program or be programmed», sagt der Webpionier Douglas Rushkoff dazu.

Was bedeutet das für den politischen Bürger?

Vereinfacht gesagt, besteht unsere Gesellschaft aus drei Gruppen: einer wachsenden Gruppe von Menschen, die sich aktiv und bewusst informiert, einer Gruppe von Indifferenten und schliesslich einer Gruppe von Ignoranten. Diese Dreiteilung findet sich zu allen Zeiten. Die «Bewussten» sind in der Lage, den Lead zu übernehmen und Themen zu setzen. Diese Menschen sind aktiv, empören sich und setzen sich ein. Politisch heisst das: Wie bewege ich die Indifferenten? Eine Antwort kann sein: Indem ich ihnen Angebote zu einem bewussteren Umgang mit Information, Konsum, Energie, Gesundheit und so weiter anbiete. Decision design wird deshalb immer wichtiger.

Was heisst das?

Decision design nennt man die Gestaltung der Wege, die Menschen unterwegs zu einer Entscheidung zurücklegen. Die erste Gruppe von Menschen muss sich also überlegen, wie sie die Schnittstellen baut, an denen sie den Indifferenten Angebote unterbreiten.

Um Erfolge zu feiern, müssen politische Parteien also solche Entscheidungs-Designer in ihren Reihen haben?

Erfolgreiche Online-Händler wie Amazon zeigen, wie wichtig es ist, den Kunden den Weg zur gewünschten Entscheidung zu optimieren. Das trifft nicht nur auf Konsumentscheidungen zu, sondern auch auf politische. Parteien müssen sich also überlegen, wie sie die grosse Gruppe der Indifferenten bewegen können.

Im Konsumbereich existieren viele Dienstleister mit kundenorientierten Angeboten. Dienstleister wie Comparis schaffen beispielsweise Preis-Transparenz unter den Händlern. Sehen Sie solche Möglichkeiten für Dienstleistungen auch bei der politischen Arbeit?

Politische Ideen müssen genau so verkauft werden wie ein Produkt oder eine Dienstleistung. Ähnlich wie eine GesundheitsApp, die den Anwendern ständig feingliederige Informationen über den Körper liefert, müsste auch ein Parteiprogramm eine personalisierte Dienstleistungs-App sein. Aber so wie die Politik heute funktioniert, tendiert sie nicht zur Transparenz. Politiker müssen heute gute Schauspieler sein. Transparentes Handeln stellt sehr hohe Anforderungen an die Integrität.

Was wären mögliche Treiber für Transparenz in der Politik?

Der Trend zur Transparenz wird so oder so unabwendbar sein. Durch die ständige Ansammlung von Daten in Netz werden wir immer besser Bescheid wissen über Politiker: Abstimmungsverhalten, Lobby-Vernetzungen, Spenden. Diese Themen gelangen in den Wahlkampf und er zeugen Druck.

Aber das wird nicht reichen. Wird die Politik jemals ein Interesse an Transparenz entwickeln?

Ähnlich wie beim Bankgeheimnis wird sich der Ruf nach Transparenz auch in der Politik durchsetzen. Der Druck wird sich stetig erhöhen. Wikileaks war nur ein Anfang. Auf Seiten der Politik wird man sich anfangs wohl gegen solche Entwicklungen wehren. Doch irgendwann wird jemand den Wert einer transparenten, unpopulistischen Arbeit erkennen und sie ausführen, andere können dann auf diesen Trend aufspringen.

Sehen Sie bereits jetzt in der Politik Anzeichen für eine solche Entwicklung?

Bewegungen wie Occupy zeigen, dass politisches Bewusstsein da ist, wo wir es nicht unbedingt erwartet hätten. Selbst wenn das eine kurzfristige Geschichte war, dahinter stehen schlaue Leute mit vernünftigen Ideen. Das ist ein guter Boden für die Politik der Zukunft.

Was heisst das für die Partei der Zukunft?

Ich glaube, wichtiger als ein allumfassendes Parteiprogramm sind in Zukunft Spielarten der Mitbestimmung. Um nahe bei ihren Wählern zu sein, müssen Parteien mit ihnen glaubwürdig interagieren. Das erfordert aber wie gesagt ein grosses Mass an Transparenz.

Interview: Die Politik

Karin Frick ist Leiterin Research und Mitglied der Geschäftsleitung des Gottlieb Duttweiler Instituts. Das Gottlieb Duttweiler Institut (GDI) ist als unabhängige Denkfabrik der älteste ThinkTank
der Schweiz.


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http://www.die-politik.ch/de/archiv/ausgabe-6-2012/artikel/661_die-indifferenten-bewegen/
31-Oct-2012, 09:56 AM
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