Ausgabe 6 / 2011


Artikel - Anton Keller, alt Nationalrat

Mass und Mitte

Obsculta (höre!) ist das erste Wortz der von Benedikt von Nursia 530 nach Christus im italienischen Kloster Montecassino abgefassten "Regula Benedicti".

Das Wort «obsculta» ist eigentliches Programmwort, wie der grosse Kenner der Mönchsregel «Regula Benedicti» und frühere Abt von Einsiedeln Georg Holzherr bemerkt. «Neige das Ohr des Herzens», fährt Benedikt fort. Damit ist eine ganzheitliche, auch emotionale Hörbereitschaft angesprochen. Es ist weise Hinwendung auf Gott, Mitmensch und Schöpfung. «Hinhören» ist die Grundlage einer solidarischen Gesellschaft, die im Einvernehmen mit der Umwelt lebt.

Wertediskussionen nehmen in der heutigen Gesellschaft breiten Raum ein. Es ist auf jeden Fall aufschlussreich, die heute im Vordergrund stehenden Werte mit jenen der Klosterregel zu vergleichen. Einen Überblick bietet Kapitel 4 «Die Werkzeuge der geistlichen Kunst», welches die Elemente der christlichen Spiritualität auf eindrückliche Weise zusammenfasst.

Ich beschränke mich hier auf den Begriff des Masses und des Masshaltens, der als roter Faden überall in der Regula Benedicti (RB) aufleuchtet. «Alles geschehe nach Mass» (RB 48.9), «das Mass ist die Mutter aller Tugenden» (RB 64.19). Mit Tugenden bezeichnen wir sittlich wertvolle Eigenschaften. Entsprechend war für den mittelalterlichen Ritter und Herrscher «Masshalten» die herausragende Tugend, zum Beispiel im Strafrecht oder im Umgang mit Besiegten. Das richtige Mass vermeidet das Zuviel und das Zuwenig. Menschliches Leben und Zusammenleben ist stets von Masslosigkeit bedroht. Und Masslosigkeit ist zerstörerische Potenz. Das kann auch für den Abt zutreffen, der über Befehlsgewalt verfügt: «Er unterscheide genau und halte Mass. Er sei nicht masslos und nicht engstirnig.»

Benedikt macht deutlich, dass der Mensch über die Geistesgabe der Unterscheidung verfügt und so in der Lage ist, im konkreten Fall das richtige Mass zu finden. Diese Fähigkeit des Menschen ist für ihn grundlegend. Die Suche nach dem richtigen Mass ist die Suche der Mitte, die Suche des Ausgleichs, die Vermeidung des Extremen. So heisst es wiederum vom Abt: «Er hasse die Fehler, er liebe die Brüder. Er soll das geknickte Rohr nicht brechen.» Engstirnige Gleichbehandlung wird abgelehnt, weil Gleichbehandlung oft nicht «angemessen» ist. So erklärt Benedikt gegenüber alten Insassen: «Immer achte man auf ihre Schwäche. Für ihre Nahrung darf die Strenge der Regel keinesfalls gelten.»

Ein schönes Beispiel für spirituellen Ausgleich bietet RB 34.3: «Wer weniger braucht, danke Gott. Wer mehr braucht, werde demütig wegen seiner Schwäche. » Auch im Verhältnis der Älteren zu den Jüngeren geht es um Ausgleich: Zwar sollen die Jüngeren die Älteren ehren, indem sie sich zum Beispiel vor ihnen erheben. «Aber nirgendwo darf das Lebensalter für die Rangordnung den Ausschlag geben.» (RB 63.5) Auch die Jüngeren sind zur Beratung beizuziehen, «weil der Herr oft einem Jüngeren offenbart, was das Bessere ist.» (RB 3.3)

Masshalten gilt nicht zuletzt beim Reden: «Den Weisen erkennt man an den wenigen Worten.» (RB 7.61) Wie in den andern Bereichen werden auch bezüglich Essen und Trinken Regeln erlassen. Die Behutsamkeit, das richtige Mass zu finden, fällt auch hier auf. Denn die Menschen sind verschieden. «Jeder hat seine Gnadengabe von Gott, der eine so, der andere so. Deshalb bestimmen wir nur mit einigen Bedenken das Mass der Nahrung für andere. Zwar lesen wir, Wein passe überhaupt nicht für Mönche, weil aber die Mönche heutzutage sich davon nicht überzeugen lassen, sollten wir uns wenigstens darauf einigen, nicht bis zum Übermass zu trinken, sondern weniger. Denn der Wein bringt sogar den Weisen zu Fall.» (RB 40) Das Flüssigkeitsmass, das Benedikt empfiehlt, ist eine «Hemina». Nur wissen wir heute leider nicht mehr genau, wie viel das ist…

Die Lebensweisheit hat zu allen Zeiten das richtige Mass gepriesen. Die Lebensweisheit sucht Ausgleich und Mitte, sie lehnt das Extreme als lebensfeindlich ab. Der Lyriker Mörike hat in einem berühmten Gedicht gesagt: «In der Mitten liegt holdes Bescheiden.» An dieser Einstellung habe ich mich als Jugendlicher gestossen, wie ich heute an extremen Positionen Anstoss nehme. 


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http://www.die-politik.ch/de/archiv/ausgabe-6-2011/artikel/431_mass-und-mitte/
21-Sep-2011, 09:34 AM
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