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Artikel - Philipp Stähelin, Ständerat
Was von Bern bleibt
Nach zwölf Jahren «Bundesbern» habe ich mich an den Parlamentsbetrieb gewöhnt. Werde ich ihn ab dem kommen - den Dezember, wenn ich von meinem Amt zurücktrete, aber tatsächlich vermissen?
Was also bleibt von Bern? Es mag erstaunen, es ist der Eindruck des starken äusseren Wandels in diesen Jahren. Im Rückblick war die Bundeswelt Ende der 90er-Jahre noch in Ordnung. Selbstverständlich wird die Vergangenheit stets verklärt. Trotzdem zeigen schon Äusserlichkeiten, dass damals die Politik noch etwas einfacher gestrickt wurde. Der Eingang ins Bundeshaus war rasch durchschritten. Noch gab es keine Sicherheitspforte. Die ganzen elektronischen Kontrollen mit Parlamentarierausweis, das Warten in Einerkolonne und die entsprechenden Pannen lagen in der Zukunft. Die Tribünenbesucher und wer immer ein Treffen mit Parlamentariern hatte, benützte denselben Eingang. Das Innere wirkte ringsum etwas verstaubt, aber sehr intim. Die Ratssäle waren über die Treppen zu erreichen. Die Fussböden knarrten.
Heute ist alles aufwendig renoviert. Der Lift beidseitig ist hervorragend eingepasst, auch wenn die Treppenbenützung, weil rascher, bevorzugt wird. Die Besucher müssen zwar an einem separaten Eingang anstehen und werden mit viel Zeitaufwand kontrolliert, danach aber in Gruppen kreuz und quer durch das Bundeshaus geführt. Eher verloren drücken sich Parlamentarierinnen und Parlamentarier an ihnen vorbei. In den Bereichen Besucher und Sicherheit sind denn auch die Parlamentsdienste kräftig aufgebaut worden – weit mehr als in den Kommissionssekretariaten. Neu steht dem Parlament ein internes Restaurant zur Verfügung, welches das alte «Café Vallotton » ergänzt. Neu ist auch die Ausgliederung der Medienschaffenden in ihr eigenes Zentrum an der Bundesgasse.
In meinem Empfinden hat sich das Parlament vermehrt ins eigene Schneckenhaus zurückgezogen. Den Ausdruck «Ghetto » will ich vermeiden. Aber ich stelle fest, dass wir alle oft den ganzen Tag im Bundeshaus verbringen. Wir sprechen mit unsereins, den Medien und den Lobbyisten. Der normale tägliche Kontakt mit Land und Leuten geht darob verloren.
Dank Halbstundentakt und raschen Bahnverbindungen fährt das Gros der Kolleginnen und Kollegen über Nacht nach Hause. Der lockere Kontakt untereinander, aber auch in der Beiz mit Kreti und Pleti, bleibt wenigen «Randgebietlern» vorbehalten. Zum Rückzug in sich selbst trägt bei, dass mehr und mehr Parlamentarier und vor allem Parlamentarierinnen sich ausschliesslich der Politik widmen. Man kann dies unter dem Titel «kein Filz» positiv sehen, gleichzeitig verliert sich damit berufliches und erfahrungsmässiges Know-How. Der direkte tägliche Bezug zum realen Leben fehlt. Berufspolitiker werden zunehmend abhängig von ihrem Parlamentsmandat. Dessen Verlust wird zur persönlichen wirtschaftlichen Katastrophe. Unwillkürlich wächst dabei auch die Abhängigkeit von Parteien und politischen Interessen.
Bewusst habe ich nun überzeichnet. Die Trends der letzten Jahre sind dennoch unverkennbar. Gerne hoffe ich auf ihre Umkehr. Unser Land braucht eine volksnahe Politik. Das st wichtiger als eine goldverbräunte Bundeskuppel.
Was also bleibt mir von Bern? Gute Kolleginnen und Kollegen, gar Freunde, trotz politischen Gefechten. Die Erfahrung, dass das Parlament trotz allem immer wieder den Weg gefunden hat. Die Hoffnung, dass die kommende Politikergeneration sich nicht so ernst nimmt und es noch besser macht. Was werde ich vermissen? Nur Bern. 


