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Artikel - Peter Niggli, Geschäftsleiter Alliance Sud
Vom Vulkanausbruch lernen?
Dass ein Vulkanausbruch den Flugverkehr des europäischen Kontinents lahm legte und die halbe Weltwirtschaft beeinträchtigte, zeigte, wie verletzlich die hochvernetzte Weltwirtschaft ist. Dieselbe Lektion erteilen uns allerdings auch andere Ereignisse, die Wirtschaft und Politik beschäftigen.
Beispiel Peak Oil und Erdölpreise. Als 2008 die Erdölpreise ihr Hoch von über 140 Dollar erreichten, begannen mehrere transnationale Unternehmen ihre langfristigen Investitionspläne zu überprüfen. Hatten sie bislang globale Wertschöpfungsketten ohne Rücksicht auf Transportdistanzen konzipiert, weil die Kosten kaum ins Gewicht fielen, rechneten sie nun für die Zukunft mit derart hohen Ölpreisen, dass eine Re-Regionalisierung der Wertschöpfung attraktiv erschien.
Beispiel Ernährungssicherheit. Seit den achtziger Jahren galt, dass der Agrarwelthandel immer in der Lage sein würde, die Nahrungsbedürfnisse der Agrar-Nettoimporteure zu decken. Unter dieser Fahne wurde der freie Agrarwelthandel vorangetrieben. Seit kurzem haben Staaten und private Investoren den Glauben daran verloren. Sie kaufen Millionen Hektar Land – meistens im unterernährten Afrika – um künftige Nahrungsbedürfnisse zu decken. Besonders gefährdet fühlen sich Länder, welche dank Klimaerwärmung mit Wasserknappheit und Ertragsminderungen rechnen. Volkswirtschaften, die ihren Agrarsektor in der Vergangenheit vernachlässigten, weil sie von Industrie und Dienstleistungen höhere Wertschöpfung erwarteten, könnten sich künftig gezwungen sehen, ihre Versorgungssicherheit wieder kleinräumiger zu konzipieren.
Beispiel Finanzmärkte. Dass sich europäische Banken zu Hauf im Handel mt amerikanischen Junk-Hypotheken beziehungsweise ihren Derivaten engagierten, machten erst die deregulierten globalisierten Finanzmärkte möglich. Das führte nicht zu mehr Stabilität, besserer Verteilung der Risiken und effizienterer Allokation des Kapitals, wie die Finanzliberalisierer versprachen, sondern zur grössten Finanzkrise seit achtzig Jahren. Die über 20 000 Milliarden Dollar, die seither dafür aufgewendet wurden, die Banken zu retten und die Weltwirtschaft vor dem Absturz zu bewahren, sind mit ein Grund, wieso wir heute am Anfang der zweiten Finanzkrise, der Staatsschuldenkrise, stehen. Es ist klar, dass stärker regulierte Finanzmärkte mit eingeschränkteren Möglichkeiten transnationalen Kapitalverkehrs die Weltwirtschaft stabiler machen würden.
Bei all diesen Beispielen fällt der Unterschied zum Vulkanausbruch auf. Dieser war ein Naturereignis, dessen Wirkung niemand in Frage stellte. Und obwohl die Fluggesellschaften früh auf die Wiederaufnahme des Luftverkehrs drängten, hatten weder Touristen, noc Akteure der Weltwirtschaft Lust auszuprobieren, ob es sich vielleicht sicher durch die Aschenwolken fliegen liesse. Anders beim Erdöl, der Landwirtschaft oder den Finanzmärkten. Hier sind die Risiken menschengemacht und könnten, im Unterschied zum Vulkanausbruch, durch menschliches Handeln verändert werden. Doch gerade hier verteidigen Interessengruppen hartnäckig den Status quo und stellen die Risikoanalyse in Frage. Sicherer wäre es, wir würden uns hier wie beim Vulkanausbruch verhalten. 


