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Artikel - Evelyn Bahn, Referentin für Welternährungsfragen beim INKOTA-Netzwerk Deutschland
Land Grabbing: Weltweiter Wettlauf um Ackerland
Ausländische Investoren haben in den vergangenen Jahren allein in Afrika über 30 Millionen Hektar Ackerland aufgekauft oder gepachtet. Während die lokale Bevölkerung an Hunger leidet, produzieren die Investoren Nahrungsmittel und Energiepflanzen für den Export oder nutzen den fruchtbaren Boden als Spekulationsobjekt. Vertreter von Kleinbauernorganisationen weisen darauf hin, dass sich in vielen Entwicklungsländern Land und Wassernutzungskonflikte zuspitzen. Vor diesem Hintergrund hat sich der englische Begriff «Land Grabbing» (Grapschen nach Land) durchgesetzt.
Die steigende Nachfrage nach Energiepflanzen und Futtermitteln, der prognostizierte Anstieg der Weltbevölkerung sowie die Auswirkungen des Klimawandels auf die Landwirtschaft spielen eine Rolle für das wachsende Interesse an Ackerland. Als im Jahr 2008 die Grundnahrungsmittelpreise explodierten, sicherten sich insbesondere devisenreiche Regierungen und Staatsbetriebe aus den Golfstaaten sowie China grossflächig Ackerboden in den Entwicklungsländern, um sich von den schwankenden Weltmarktpreisen unabhängig zu machen. Bei Investoren aus Europa handelt es sich hingegen um Energieunternehmen, die Pflanzen für die Gewinnung von Agrarkraftstoffen anbauen. Auch Investmentfonds sind in das Bodengeschäft eingestiegen. Allein in Deutschland werden über dreissig verschiedene Fonds angeboten, die mit rund fünf Milliarden Euro direkt oder über Beteiligungen in Ackerland investieren.
Landkäufe von gewaltigem Ausmass
Die Weltbank kommt in einer Studie zum Schluss, dass im Zeitraum Oktober 2008 bis August 2009 Landgeschäfte über 46,6 Millionen Hektaren angekündigt oder abgeschlossen wurden – das entspricht in etwa dem Gebiet Schwedens. Ein Viertel der verkauften oder verpachteten Flächen umfassen mehr als 200 000 Hektaren. 70 Prozent der geplanten Landgeschäfte werden mit Regierungen der Subsahara-Staaten abgeschlossen. Paradoxerweise sind viele der betroffenen Länder seit Jahrzehnten von Hungersnöten betroffen und weite Teile der Bevölkerung leiden unter Mangelernährung, darunter Äthiopien, Kongo, Sierra Leone, Tansania oder Kambodscha.
Gewaltsame Vertreibung der Bauern
Die hohe Korruptionsrate in vielen der betroffenen Länder führt dazu, dass die lokale Bevölkerung in die Verhandlung über das Land nur unzureichend oder gar nicht einbezogen wird. Vertreter der staatlichen Eliten handeln die Verträge mit den Investoren aus und Familien, die das Land bislang bewirtschafteten, werden erst nach Abschluss des Vertrags über die Einzelheiten informiert. Die Folge ist, dass Kleinbauern zum Teil gewaltsam von ihrem Land vertrieben werden. Das deutsche Politikmagazin «Report Mainz» deckte auf, dass drei Investmentfonds der Deutschen Bank Gruppe in einen thailändischen Zuckerrohrkonzern investierten. Mithilfe von bestochenen Soldaten und Polizisten vertrieb der Konzern 400 Reisbauern und ihre Familien in Kambodscha von ihren Feldern, um dort Zuckerrohr anzubauen. Während die betroffenen Familien ihre Lebens- und Ernährungsgrundlage verloren haben, wird das Zuckerrohr nach Europa exportiert. Eine Entschädigung für den Verlust des Ackerlandes haben die Bauern bislang nicht erhalten. Die Berichte über Landvertreibungen häufen sich in vielen Regionen der Welt. Neben bäuerlichen Familien zählen auch Nomaden, Indigene und Fischer zu den Verlierern des Wettlaufs um Ackerland.
Ökologische Risiken
Die Grossprojekte der ausländischen Investoren bergen zudem erhebliche ökologische Risiken, wie den Verlust von Wäldern, der Biodiversität und der Bodenfruchtbarkeit sowie einen erhöhten Treibhausgasausstoss. Allen Investoren geht es um eine exportorientierte Agrarproduktion mit möglichst hohen Produktivitätsgewinnen. Durch die Agrarinvestitionen werden industrielle Produktionsmechanismen, die auf den Anbau von Monokulturen, den Einsatz von Pestiziden und Düngemitteln sowie dem massiven Verbrauch von Wasser setzen, manifestiert. Bauernorganisationen in den Entwicklungsländern sprechen bereits von «Water Grabbing».
Unverbindliche Verhaltensappelle sind keine lösung
Die Weltbank hat eine Reihe freiwilliger Verhaltensregeln aufgestellt, mit denen auf die negativen Auswirkungen von Land Grabbing reagiert werden soll. Ziel ist es, eine «Win-Win-Situation» zu erreichen, bei der auch die lokale Bevölkerung von den Investitionen, beispielsweise durch die Schaffung von Arbeitsplätzen, Infrastruktur und Technologietransfer profitieren soll. Der Weltbankvorschlag stösst bei Nichtregierungsorganisationen auf breite Ablehnung und gilt als Versuch, das Modell einer exportorientierten Wachstumsstrategie für die Landwirtschaft in den Entwicklungsländern zu verteidigen und die Landnahmen zu legitimieren. Dringend benötigt werden verbindliche Regeln und die Einklagbarkeit fundamentaler Menschenrechte durch natürliche Personen, Nichtregierungsorganisationen und Personengruppen.
Proteste von unten
Derweilen schreitet der Ausverkauf von Land ungebremst fort. Doch auch die lokalen Proteste nehmen zu: In Tansania, Madagaskar und Mali stiessen Landnahmen durch ausländische Unternehmen auf massiven Widerstand der Bevölkerung. Beim Weltsozialforum in Dakar im Februar 2011 wurde «Land Grabbing» von den zivilgesellschaftlichen Organisationen scharf verurteilt. In Tansania und Mosambik diskutieren die Regierungen mittlerweile über ein Aussetzen aller Landprojekte für den Anbau von Energiepflanzen, die für den Export bestimmt sind. Hier könnten auch die Regierungen der Europäischen Union ansetzen, um den grossflächigen Landnahmen und deren negativen Auswirkungen etwas entgegenzusetzen. Die politischen Ziele zur Beimischung von Agrarkraftstoffen sollten ausgesetzt und für den Import von Energiepflanzen aus Entwicklungsländern sollte ein Moratorium verhängt werden. Generell gilt: Bevor Land verkauft oder verpachtet wird, müssen gemeinsam mit den lokalen Gemeinden umfangreiche Untersuchungen der ökologischen und sozialen Folgen durchgeführt werden. Dabei müssen auch indirekte Landnutzungseffekte, die Flächenkonkurrenz zwischen Nahrungsmittel- und Energiepflanzenproduktion sowie die Einhaltung von Sozialstandards berücksichtigt werden. In den Entwicklungsländern sollte das Recht der Bevölkerung auf angemessene, gesunde und lokal produzierte Nahrungsmittel absolute Priorität geniessen. 


