Ausgabe 5 / 2011


Artikel - Reto Wehrli, Nationalrat

Wieso mehr bezahlen? Darum!

Volkswirtschafter, Diplomaten und Politiker fragen sich: Sind Gatt/WTO und ist ein Freihandelsabkommen mit der EU für die schweizerische Landwirtschaft von Vorteil? Die reine akademische Lehre – sie ist bekanntlich in der Bundesverwaltung gut vertreten – bejaht diese Frage.

Sie beruft sich auf die Theorie des komparativen Vorteils. Diese besagt, dass jeder das produzieren soll, was er am besten kann. Dadurch entsteht weltweite Arbeitsteilung und jedes Produkt wird schliesslich am Ort der niedrigsten Kosten hergestellt. Das macht bei Industrie und Dienstleistungen wirtschaftlich gesehen Sinn (wie es mit der Ökologie steht, ist eine ganz andere Frage). Jedenfalls ist die Schweiz eine der grossen Profiteurinnen der weltweiten Marktöffnungen. Unser Land stellt praktisch keine Massenerzeugnisse und nicht einmal mehr Autos her, dafür spezialisierte Güter mit höherer Wertschöpfung.

Das gleiche Muster funktioniert bei der Landwirtschaft nicht. Was die schweizerische Landwirtschaft herstellen kann, ist schnell aufgezählt: Milch, Milchprodukte und Fleisch, dazu etwas Obst und Getreide. Alles andere sind Nischen. Sich in diese zu verziehen, erweist sich bei genauerem Hinsehen als Illusion. Selbst wenn wir nur noch Himbeeren herstellen, tun wir das teurer als andere auf der Welt. Wer also Freihandel ernst meint und konsequent durchzieht, der nimmt in Kauf, dass die schweizerische Landwirtschaft zu existieren aufhört. Allenfalls kann ihr Sterben mit einem komplizierten Subventionssystem verlängert werden.

Nicht wie Dienstleistung und Industrie

Die Landwirtschaft steht also im Gegensatz zu Industrie und Dienstleistung: Diese brauchen den Freihandel, weil sie sich laufend in höhere Wertschöpfungen begeben können und weil sie viel mehr herstellen, als wir selber brauchen. Und damit sieht sich die schweizerische Handelsdiplomatie vor der vielleicht nicht lösbaren Aufgabe, Freihandel für Industrie und Handel zu erreichen, ihn aber für die Landwirtschaft zu verhindern.

Für den Kontakt mit den Konsumenten, für den Marktauftritt unserer Bauern heisst das: Es müssen die nicht-komparativen Vorteile einer eigenen, leistungsfähigen Landwirtschaft noch viel mehr betont und glaubwürdig gemacht werden. Zum Beispiel ökologische Verantwortung, Erhalt unserer wunderbaren Landschaft (sonst droht die Vergandung), Ernährungssicherheit, Qualität der Produkte (gesunde Ernährung) oder emotionale Aspekte. Dann kann zum Beispiel der helvetische Tierschutz von jedem einzelnen Landwirt positiv interpretiert werden. Zwar bedeutet Tierschutz zunächst Aufwand, aber immer mehr Käuferinnen und Käufer wollen wissen, wie die Tiere behandelt werden. Jedenfalls nicht so wie in der EU, wo lebende Tiere immer noch über tausende von Kilometern transportiert werden und auch trotz verschärfter Gesetze unter Stress, Durst und Hitzeschocks leiden. Jährlich werden 360 Millionen Tiere in der EU herumgekarrt, zwei Millionen sterben dabei.

Konsumentinnen und Konsumenten sollen sich nicht mehr fragen «Wieso muss man für schweizerische Produkte mehr bezahlen?», sondern: «Wie komme ich überhaupt dazu, ausländische Massenware zu kaufen?»


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19-Jul-2011, 04:55 PM
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