Ausgabe 5 / 2011


Artikel - Rosemarie Keller, Schriftstellerin

Die Bauern in der Literatur

«Als Adam grub und Eva spann, wo blieb denn da der Edelmann?» Dieses Lied wird dem Bauernkrieg (1524/1525) zugeschrieben, dem grössten Massenaufstand der deutschen Geschichte. Martin Luther verfasste darauf seine Schrift «gegen die räuberischen und mörderischen Rotten der Bauern».

Stammen wir alle vom Bauern ab? Weil unsere biblischen Voreltern gehalten waren, «im Schweisse ihres Angesichtes» den Boden zu bearbeiten, oder weil andere Vorfahren, die Jäger und Sammler, keinen eigentlichen Beruf ausübten? Haben wir uns zu unserem Schaden oder Nutzen von der Scholle abgewandt? Uns in tausend Berufe zerstreut?

Blicken wir einmal bei Tolstoi vorbei: Leo Nikolajewitsch Tolstoi (1828–1910), Landbesitzer aus dem russischen Hochadel, zum Dichter berufen, vom Staat kritisiert. Denn er schildert die Besitzer der Landgüter, die fette Pfründe verwalten, im Militär Kriegspläne aushecken und Soldaten beüben, als Nichtsnutze. Sie sind samt ihren durch Müssiggang verblödeten Frauen dem Untergang geweiht.

Im Werk Tolstois erscheint aber auch immer wieder jener Mensch, der diese Zustände in Frage stellt. Der Dichter portraitiert sich hier selbst. Von mächtiger Gestalt, manchmal ungeschlacht aufbegehrend, geisselt er die Dekadenz seiner Kaste, sehnt sich nach Arbeit. Er findet Erfüllung indem er sich zu den Bauern begibt. Der Gutsherr reiht sich ein in die Schar der Mäher, wird gastlich aufgenommen in den Bauernhäusern. Die russische Landschaft, die Tolstoi arbeitend erlebt, hat er uns in seiner Literatur übermittelt.

Nicht dass er nur Harmonie im bäuerischen Leben sähe. Er zeigt Menschen. Auf solche Menschensuche begab sich auch Jeremias Gotthelf, der als Pfarrer Albert Bitzius in Lützelflüh lebte und dort 1854, im Alter von 57 Jahren starb. Vorerst schildert Gotthelf im «Bauernspiegel» die dunkle Seite des ländlichen Lebens. Dicht ist dieses Werk, das ihm schwere Kritik bringt, so voller Mitgefühl für die Entrechteten, dass wir das Pseudonym «Gotthelf» verstehen. Dieser protestantische Pfarrer ist der Helfer Gottes.

In bedrückenden Bildern, wie sein russischer Kollege, zeigt er uns die Wahrheit. Wir sehen die Bäuerin in «Geld und Geist» auf dem Kirchgang. Allein geht sie durch Felder, betrachtet das wogende Meer des reifen Kornes, prüft eine Ähre, pflückt eine Blume. Sie setzt sich zuhinterst in die Kirche. Und nun ist sie offen für die Worte des Pfarrers. Aus dem Zerwürfnis mit ihrem Mann, unter dem der ganze Hof leidet, findet sie den Ausweg. In einem Akt der Versöhnung reicht sie am Familientisch ihrem Mann, wie ehedem, zuerst die Schüssel mit dem Essen.

In Gotthelfs Werk verwalten die Bauernfamilien ihre Höfe, tun Recht und Unrecht, lachen und weinen. Wenn der Hoferbe Joggeli eine Frau sucht und deshalb verkleidet «Hausbesuche» macht, achtet er nicht etwa darauf, ob eine junge Frau streitet, sondern wie sie streitet. Weil Gotthelfs Schweiz klein und demokratisch ist, herrschen nicht die russischen Probleme des dekadenten Adels. Doch auch im helvetischen Alltag der Bauern schleichen sich Missstände ein: Die selbstverliebte Tochter des Hauses verbringt den Tag vor dem Spiegel, der alte Bauer nörgelt auf der Ofenbank und der junge Pächter krallt seine Hände um den Geldbeutel. Wir freuen uns, dass es so ist. Denn wir sind besser! Gotthelf sei Dank.

Weshalb lesen wir Gotthelf und Tolstoi immer wieder? Weil sie nicht nur die Kunst des Wortes besitzen, sondern eine Botschaft haben. Nach der Diskussion über Recht und Unrecht, die der russische Gutbesitzer Lewin mit einem Bauern führt, folgert Lewin: «Ich habe Antwort auf meine Frage gesucht. Aber mein Denken konnte die Antwort nicht geben, es reichte dazu nicht aus. Die Antwort gab mir das Leben selbst…» Für Tolstoi und Gotthelf üben die Bauern den wichtigsten Beruf aus. Könnte es sein, dass dem ersten und wichtigsten Beruf der alttestamentarischen Welt auch die Zukunft gehört?


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19-Jul-2011, 04:55 PM
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