Ausgabe 5 / 2011


Artikel - Ralf Bucher, Geschäftsführer des Aargauischen Bauernverbands

Unternehmerisches Denken und Handeln

Mit der kompletten Neuorientierung der Agrarpolitik seit 1992 Richtung weniger Staat und Subventionen, hin zu mehr Markt und leistungsbezogenen Direktzahlungen, wurden die Bauern stark gefordert. Die Landwirtschaft wurde wettbewerbsfähiger und ökologischer. Die nächste Reformetappe der Agrarpolitik 2014–2017 steht an und setzt diesen Trend konsequent fort. Unternehmerisches Denken und Handeln ist auch in der Landwirtschaft unverzichtbar.

Die Bauern mussten sich als Unternehmer behaupten und vielen ist dies gelungen. Während sich die einen auf einen Betriebszweig (Kernkompetenz) spezialisiert und diesen ausgebaut haben, haben sich andere diversifiziert und neue Betriebszweige aufgebaut. So etwa als Dienstleister mit Ferien auf dem Bauernhof, Pensionspferdehaltung, Direktvermarktung oder als landwirtschaftliche Maschinenbetriebe, welche spezialisierte Arbeiten für Bauern im Lohnverhältnis machen. Weit verbreitet und bei vielen Betrieben finanziell auch nötig ist der Nebenerwerb, wo ausserhalb des Betriebes noch ein Einkommen erzielt wird, sei es von der Frau, vom Mann oder von beiden.

Herausforderungen der Raumplanung

Gerade aber bei der Spezialisierung und bei neuen Projekten sind die Bauern dem Gesetzgeber vielfach einen Schritt voraus oder können ihren unternehmerischen Gestaltungsraum nicht ausschöpfen. Wenn ein Gemüsebetrieb plötzlich zwei grosse Gewächshäuser bauen will, stösst er auf Widerstand von Anwohnern, Landschaftsschützern und Behörden, die mit neuen Ideen und Projekten überfordert sind oder die Interessenabwägung zu Ungunsten der Landwirtschaft auslegen. Wer Pioniergeist zeigt und neue Ideen hat (beispielsweise eine Biogasanlage, ein Maislabyrinth oder Wellness auf dem Bauernhof), wird schnell damit konfrontiert, dass ein Gesuch vorsichthalber abgelehnt wird. Hier haben wir noch grossen Handlungsbedarf.

Unterschied zur Wirtschaft

Weshalb werden die Bauern von der öffentlichen Hand unterstützt, der Schreiner aber nicht? Dazu gibt es hauptsächlich zwei Gründe:

1. Kein Markt für gemeinwirtschaftliche Leistungen

Die Gesellschaft fordert von den Bauern gemeinwirtschaftliche Leistungen (Art. 104 der Bundesverfassung), für die es keinen Markt gibt. Als Beispiel nehmen wir eine Blumenwiese. Wirtschaftlich gesehen ist diese nicht interessant, der Bauer muss aber mindestens sieben Prozent seiner Fläche nach strengen Kriterien zur Förderung der Biodiversität bewirtschaften, um Direktzahlungen zu erhalten.

2. Tiefere Nahrungsmittelpreise
Die Landwirtschaft wird auf der ganzen Welt von der öffentlichen Hand enorm unterstützt. Damit werden in vielen Ländern indirekt die Nahrungsmittel verbilligt, damit sie für die Bevölkerung erschwinglich werden. In Entwicklungsländern gibt die Bevölkerung über 70 Prozent des Haushaltsbudgets für Nahrungsmittel aus, in der Schweiz nur gerade sieben Prozent. Um beispielsweise einen kostendeckenden Milchpreis für die Schweizer Bauern zu erzielen, müssten die Milchbauern für einen Liter Milch mindestens einen Franken erhalten (der aktuelle Milchpreis liegt bei 60 Rappen), im Laden würde die Milch demzufolge mindestens zwei Franken kosten (aktuell Fr. 1.50). Mit Direktzahlungen auf ökologische Leistungen oder Weidehaltung wird diese Differenz indirekt ausgeglichen.

Standortvorteile nutzen

Die Schweizer Landwirtschaft hat grosse Standortvorteile. Fruchtbare Böden, genügend Wasser und gut ausgebildete Bäuerinnen und Bauern ermöglichen eine ressourcenschonende, nachhaltige Produktion von qualitativ hochstehenden Nahrungsmitteln direkt vor Ort. Im Bereich Energieproduktion können die Bauern mit grossen Scheunendächern für Photovoltaik, exponierten Windlagen für Windkraftanlagen oder Biogasanlagen ihren Anteil zur erneuerbaren Energieproduktion leisten.

Wachstum nicht auf Kosten des Kulturlandes

Der Druck auf das Kulturland und damit auf unsere wichtigste Ressource ist gewaltig. Pro Jahr wird die Fläche des Sempachersees (14,5 Quadratkilometer) überbaut. Es braucht grundlegend neue raumplanerische Instrumente, um diesem Druck zu begegnen. Ich denke an verdichtetes und mehrgeschossiges Bauen (je höher je besser), die Nutzung von Industriebrachen und die bessere Nutzung von vorhandener oder neuer Infrastruktur.

Die Landwirtschaft hat im zunehmend internationalen Wettbewerb Chancen. Voraussetzung ist und bleibt aber ein unternehmerisches Denken und Handeln. Die Mehrheit der Bauernfamilien stellt sich diesen Herausforderungen.


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19-Jul-2011, 04:55 PM
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