Ausgabe 4 / 2010


Kolumne - Marianne Binder

Verbindlich

Einmal stolperte ich in einer andalusischen Stadt über einen Plastikbecher. Er war mit Münzen gefüllt und gehörte drei Bettlern, die auf der Strasse hockten. Als ich das Geld wieder aufgesammelt hatte, entdeckte ich weitere volle Becher, und jeder hatte ein Schild.

«Für Bier»
«Für einen IPod»
«Für neue Schlafsäcke»
«Für einen Porsche»

Ich musste lachen. Auch die Bettler lachten. Ich wollte fotografieren, da hob einer ein Schild:

«Foto 10 Euro»

Die Bettler haben unter www.lazybeggers.com eine eigene Website und informieren darauf, dass ihr Aufwand darin bestünde, die Leute zum Lachen zu bringen. Für Bettler sei das eine aussergewöhnliche Leistung. Da haben sie Recht.

Die Geschäftsidee macht Eindruck, und der mo­derne unternehmerisch handelnde Almosenemp­fänger steht keinesfalls im Widerspruch zur Bibel. Man darf das Geld für sich arbeiten lassen und sollte die Talente nicht vergraben. Das Konzept der innovativen Caritas soll dasjenige der reinen Selbst­losigkeit, für das der heilige Martin steht, nicht in Frage stellen. Doch weshalb nicht daran feilen? Der Heilige halbierte seinen Mantel und gab einen Teil einem armen Mann, der gar nichts hatte. Stofffetzen vergrössern sich nie, und beide Männer froren fortan, der eine zwar sehr viel weniger, dafür der andere neu ein bisschen.

Für einen Besuch auf der Website schreibe man die Adresse wie angegeben bitte falsch. Die Beggars erklären den Fehler damit, dass sie beim Einrichten der Seite sehr alkoholisiert gewesen seien und eine Korrektur zu teuer kam. Doch wem die Orthogra­phie wichtig ist, kann dafür spenden. Erwünscht sind auch Rasierklingen (Gillette Mach 3) oder Bü­cher. Zum Geschäftsmodell der lazybeggers.com ge­hört ein enormes Kapital an Zeit. Es ist vorbildlich, wie verantwortungsvoll sie damit umgehen.


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18-May-2010, 07:19 PM
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