Ausgabe 4 / 2010


Artikel - Lucrezia Meier­-Schatz, Nationalrätin

Von Marx zu Leo XIII.

Die Kirche hat sich stets mit der geistigen Bildung der Laien und Kleriker beschäftigt. Vom Spirituellen her hat sie sich Politik und Gesellschaft zugewandt. Diese über Jahrhunderte dauernde Entwicklung hat ihren Höhepunkt im Jahre 1891 in der Enzyklika Rerum Novarum erreicht. Papst Leo XIII. wollte mit ihr dem Konflikt, der die Gesellschaft aufwühlte und bedrohte, ein Ende setzen.

Ging es Leo XIII. lediglich darum, den Führungsanspruch in der sozialen Frage zu behaupten? Rerum Novarum ist in der Tat eine recht späte Antwort auf das kommunistische Manifest von 1847. Die Enzyklika hätte auf Generationen von Christen nicht die bekannte Wirkung gehabt, ohne das Engagement von liberalen Christen des neunzehnten Jahrhunderts und vor allem nicht ohne die soziale Denkarbeit, welche die von Bischof Gaspard Mermillod geleitete «Union de Fribourg» leistete. Man ist sich heute einig über deren ausserordentlichen Ein­fluss auf das Denken Leos XIII. Die Enzyklika ist im Umfeld eines historischen Umgestaltungsprozesses entstanden.

Die Umschreibung von Rechten und Pflichten

Leo XIII. anerkennt die Gegensätzlichkeit der sozialen Klassen und beruft sich auf die Moral, um die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Konflikte zu lösen. Er lehnt sowohl den Liberalismus wie den Sozialismus ab und verweist auf die Grundsätze der Gerechtigkeit. Zum ersten Mal werden Natur­ rechte festgelegt und die Rechte der Arbeitnehmer sowie die Pflichten der Unternehmer umschrieben. Es geht um das Recht auf Lohn, über den frei verfügt werden darf, und es geht um das Naturrecht Privatbesitz. Andererseits ist das Engagement des Staates im Sinne des Volkswohls gefordert. Die Umschreibung der Beziehungen zwischen Privatpersonen und Staat bil­det das Herzstück der neuen Soziallehre.

Bereitschaft zum Dialog

Als Antwort auf die schroffe Zurückweisung, mit welcher seine Vorgänger auf die Erklärung der Menschenrechte von 1789 reagiert hatten, kommt Leo XIII. zurückhaltend auf sie zu sprechen. Seine Nachfolger Pius XI., Pius XII. und vor allem Johannes XXII. entwickeln in der Folge ein neues Verständnis für die Förderung der Menschenrechte im Sinne eines ethischen Ideals. Jo­hannes XXIII. bekräftigt die Unverletzlichkeit der Menschen­ rechte. Ebenso bekräftigt er den unerlässlichen Auftrag der internationalen Organisationen, die Umsetzung der wirtschaft­lichen, sozialen, politischen und kulturellen Rechte zu fördern.

Die Dynamik der Soziallehre

In der kurzen Amtszeit Johannes XXII. erlebte die Soziallehre neue Anregungen. Johannes XXIII. erkannte die «Zeichen der Zeit» und umschrieb in seiner christlichen Anthropologie die Menschenwürde im Umfeld von Rechten, Pflichten und grund­legenden Freiheiten.

Mit Nachdruck unterstützte das Zweite Vatikanische Konzil die Anstrengungen der internationalen Gemeinschaften und Organisationen in ihrem Ziel, juristisch­politische Verhältnisse zu schaffen, die den Menschenrechten und den grundlegenden Freiheitsrechten gerecht werden. Diese Sicht des Konzils wur­ de durch die Diplomatie Pauls VI. und Johannes­Pauls II. um­ gesetzt.

Der im Laufe eines Jahrhunderts entwickelte christliche Stand­punkt wurde in den Enzykliken Centesimus Annus, Laborem exercens und Sollicitudo Rei Socialis Pauls II. bekräftigt. Es geht um die Achtung der Würde der Person, um die persönliche Freiheit und Verantwortung, um Solidarität im Sinne einer «menschlichen und christlichen Tugend» mit besonderer Be­rücksichtigung der Armen, um die Aufgabenteilung in der Ge­sellschaft und die Rolle des Staates (Subsidiaritätsprinzip): dies alles im Namen des Gemeinwohls, in dem die Gesamtheit der menschlichen Bedingungen ihren Ausdruck findet und das die volle persönliche Entfaltung begünstigt.

Johannes Paul II. und Benedikt XVI. haben der Soziallehre eine neue Ausrichtung gegeben, indem sie das Prinzip einer «universelle Zweckbestimmung aller Güter» geltend machen. Dabei geht es ihnen darum, die ökologischen Fragen, die sich künfti­gen Generationen stellen, anzugehen, im Sinne einer Umwelt­politik, die dem Prinzip der Nachhaltigkeit gerecht wird.

Die christliche Sozialpolitik appelliert an die Christen, ob sie nun katholisch seien oder protestantisch, sich für die Zielsetzung einer humanen Gesellschaft zu engagieren. Ein schwieri­ges Vorhaben, das aber für den Fortgang unserer Gesellschaft unverzichtbar ist.


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http://www.die-politik.ch/de/archiv/ausgabe-4-2010/artikel/136/
18-May-2010, 07:19 PM
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