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Artikel - Pirmin Bischof, Mitglied der Wirtschafts- und Abgabekommission des Nationalrates
Abzocker, Firmenkauf-Monopoly, Globalisierung
Ist Marktwirtschaft christlich oder unchristlich? Ist sie «reformiert» oder «katholisch»? Welchen Einfluss hat die christliche Religion auf das Wirtschaften der Menschen? Wie wird ein globalisiertes Wirtschaftssystem trotzdem gerecht? Was sagt der Christ zu «Abzockern», Arbeitslosigkeit und Umweltzerstörung? Als Rechtsanwalt bin ich nicht Theologe. Als WAKMitglied und Wirtschaftssprecher des Präsidiums der CVP sind die Fragen aber immer präsent. Das C im Parteinamen ist nicht blosses Etikett, sondern konkreter politischer Auftrag!
«Zwischen Grossmünster und Paradeplatz» lautete sinniger weise der Titel eines Symposiums, das die katholische Kirche des Kantons Zürich und das Institut für Sozialethik der Universität Zürich vor einiger Zeit im Hotel Savoy (eben am «bankengekrönten» Paradeplatz!) in Zürich veranstalteten. Führen de Vertreter aus Kirche, Wissenschaft und Wirtschaft stellten sich die Frage, welchen Einfluss das Christentum in seiner protestantischen und katholischen Ausprägung auf das Wirtschaftsleben hatte und in Zukunft haben könnte.
Ist «Marktwirtschaft» reformiert oder katholisch? ist sie überhaupt christlich?
Die westliche Wirtschaft ist eine marktwirtschaftliche. Produktionsmengen und Preise werden nicht durch eine staatliche Lenkungsstelle, sondern durch das freie Spiel von Angebot und Nachfrage festgesetzt. Nach gemeiner ökonomischer Auffassung ermöglicht dieses System die effizienteste «Güterallokation». Jedes Gut wird also seiner «besten» Verwendung zugeführt. Es wird nicht zu wenig, aber auch nicht zu viel produziert. So will es das Lehrbuch.
Tatsache ist, dass sich das marktwirtschaftliche System mit seiner ganzen Schlagkraft im christlichhumanistischen Europa und nicht in einer anderen Weltgegend entwickelt hat. Eine Untersuchung von Professor Bruno Frei, Universität Zü rich, hat 2003 ergeben, dass auch heute noch Christen eine positivere Einstellung zur Wirtschaft als Angehörige anderer Religionen haben. Muslime sind gegenüber Wirtschaftswachstum am skeptischsten und Hindus gegenüber wirtschaftlichem Wettbewerb.
Der berühmte Soziologe Max Weber hat 1905 im seinem Haupt werk «Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus» die bis heute nachwirkende These vertreten, die wirtschaftliche Entwicklung der westlichen Welt sei wesentlich auf den «protestantischen Geist» zurückzuführen. Die Reformation habe zu einer eigentlichen Revolution des Denkens geführt, welche den modernen Kapitalismus und damit das Wirtschaftswachstum überhaupt ermöglicht habe. Als Beleg mag man Cal vins Prädestinationslehre heranziehen, die (in vereinfachter Form) davon ausgeht, dass der persönliche und wirtschaftliche Erfolg eines Menschen auf Erden das vorgezogene Spiegelbild seiner späteren Stellung im ewigen Leben sei. Tatsächlich er folgte die Industrialisierung im 19. und 20. Jahrhundert in städtischreformierten Gebieten, wie Zürich, Basel oder Genf, wesentlich schneller als in katholischländlichen Gebieten. Dies galt für die Schweiz und die ganze westliche Hemisphäre.
Es ist fraglich, ob diese These heute noch haltbar ist. Die erfolg reichsten Dienstleistung- und Steuersenkungskantone sind in den letzten Jahren klassisch katholische Kantone wie Zug, Schwyz, Nid- und Obwalden. In Deutschland haben die beiden grossen katholischen Bundesländer BadenWürttemberg und Bayern die kriselnden protestantischen norddeutschen Länder wirtschaftlich in den Schatten gestellt. Professor Frei führt zu dem Norditalien und Irland als Beispiele dafür an, dass ein weitgehend katholisches Gebiet über längere Frist ein gleiches oder gar höheres ProKopfEinkommen als das protestantische Europa aufweise. Die Unterscheidung zwischen Katholizismus und Protestantismus eignet sich also kaum mehr zur Erklärung eines unterschiedlichen wirtschaftlichen Erfolges.
Wie steht der Christ/die Christin zur Marktwirtschaft? Eine Untersuchung der Universität Chicago auf der Grundlage des Datenmaterials aus dem «World Value Survey» (1981–1997) kommt zum überraschenden Schluss, dass regelmässige Gottesdienstbesucher eine grundsätzlich positivere Einstellung zur Wirtschaft haben als Personen, die nicht religiös sind. Religiös Aktive neigen eher zur Ansicht, dass der freie Markt zu fairen Ergebnissen führe und sie sprechen sich auch dezidierter für Institutionen aus, welche die Produktivität und das Wirtschaftswachstum fördern. Religiöse Menschen sind zu dem weniger zu einem Rechtsbruch bereit und stützen damit ein stabiles Rechtssystem als eine der wichtigsten Grundlagen einer funktionierenden Marktwirtschaft. Als christlicher Politiker darf ich guten Gewissens den Markt dem sozialistischen Plan vorziehen.
Heisst das, dass alles «in Butter» ist und wir christlichen Politiker davon ausgehen können, dass Adam Smith’s «invisible hand» des freien Marktes Probleme wie Armut, Arbeitslosigkeit und Umweltzerstörung von selbst regeln werde?
Ist eine christliche Wirtschaft liberal oder sozial?
Die kapitalistische Marktwirtschaft ist in christlichen Ländern entstanden. Es waren aber gerade die katholische und die protestantische Kirche, die dazu beigetragen haben und heute noch dazu beitragen, dass die Marktwirtschaft nicht zur Barbarei ausartet. Markt beruht auf Eigennutz jedes Marktteilnehmers, des typischen «homo oeconomicus». Oder zynisch gesagt: Wenn jeder an sich denkt, ist an alle gedacht. Ein solches System genügt vielleicht Manchester-liberalen Effizienzkriterien, sicher aber nicht dem Prinzip der christlichen Nächstenliebe.
Zwinglis Zürcher Reformation verstand sich nämlich nicht nur als Erneuerung der Kirche, sondern auch von Staat und Gesellschaft. Zwingli hat sich zentral mit den damaligen sozialen Fragen beschäftigt: dem «ungerechten» Zinswesen, der Leibeigenschaft und dem Elend der Söldner. Dem Reformator war es ein Anliegen, die menschliche Gerechtigkeit der göttlichen Gerechtigkeit zumindest anzunähern.
Wesentlich später, aber politisch wohl noch durchschlagender, entwickelte sich im 19. Jahrhundert die «katholische Sozial lehre». Sie rückte Werte wie die Würde des Menschen, die Solidarität und die Subsidiarität ins Zentrum des wirtschaftlichen und politischen Denkens. Peter Ulrich, Professor für Wirtschaftsethik an der Universität St. Gallen, stellt fest, dass die protestantische Ethik mit dem Arbeitsethos «tiefer in die Entstehungsgeschichte des Geistes des Kapitalismus verwickelt» sei, wogegen die katholische Soziallehre eher als «externes Korrektiv» des an sich unbestrittenen Marktsystems betrachtet werden müsse. Völlig zu Recht ergänzte der Sozialethiker Johannes Fischer aber, dass die katholische Soziallehre einen «kaum zu überschätzenden Beitrag zur Idee eines in sich aus gewogenen Sozialstaates geleistet» habe. Das erfolgreiche Konzept der «sozialen Marktwirtschaft» von Konrad Adenauer und Ludwig Erhard beruht demnach weder auf manchester liberalen noch sozialistischen Ideologien, sondern auf der christlichen Soziallehre.
Masslosigkeit und Überheblichkeit wurden schon in der griechischen Welt als «Hybris» von den Göttern bestraft. Ikarus ist nicht etwa abgestürzt, weil er es wagte, mit selbst hergestellten Flügeln aus Federn und Wachs zu fliegen, sondern weil er gegen den Rat seines Vaters Dädalus «zu hoch hinaus wollte» und sich zu sehr der Sonne näherte. In Form von exzessiven und unkontrollierten Managergehältern und intransparentem Verschachern von Industriefirmen durch anonym gelenktes Kapital begegnet die Hybris uns aktuell wieder. Die Masslosigkeit hat in einem verantwortungsorientierten Weltbild gemäss christlicher Soziallehre keinen Platz.
Hier haben gerade wir christlichen Politiker einen ethischen Auftrag, auch und gerade wenn die Kirche ihre führende Rolle «auf dem Markt der Werte» für viele verloren hat. Wenn der Manchester-Liberalismus Armut, Arbeitslosigkeit und Managerexzesse schulterzuckend hinnimmt, hat christliche Politik den Auftrag, die schöpferische und kraftvolle, aber gefährliche und zuweilen selbstzerstörerische, liberale Anarchie zu lenken.
Ist Umweltschutz liberal oder christlich?
Aus reinen Effizienzüberlegungen kann auch ein reiner Marktwirtschaftler zum Schluss kommen, dass Umweltschutz sich lohnt, weil in einer Welt mit zerstörten Gewässern und verseuchter Luft nicht nur das Leben sondern auch die Wirtschaft unmöglich wird. Wenn der Marktwirtschaftler Rechte zur Umweltverschmutzung (Umweltzertifikate) an einer Börse zum Handel frei gibt, tut er dies aber aus reinen Kosten/Nutzenüberlegungen.
Der christliche Wirtschaftspolitiker kommt zwar teilweise zu ähnlichen Resultaten (z.B. CO2Abgabe), geht aber von einer völlig anderen geistigen Grundlage aus. Für uns Christen ist die Bewahrung der Umwelt nicht primär eine Frage von Effizienz, Angebot und Nachfrage. Die Bewahrung der Schöpfung ist vielmehr zwingender biblischer Auftrag. Dem Menschen steht es nicht zu, die göttliche Schöpfung zu zerstören, vielmehr ist es einer unserer nobelsten Aufträge, Wasser, Luft und Erde in ihrer Integrität zu erhalten und dafür die politischen Mittel einzusetzen, die wir Menschen in der Hand haben.
Fazit
Die Marktwirtschaft ist nicht per se christlich oder unchristlich. Es hängt von uns christlichen Politikern/innen ab, ob sie sozial und umweltschonend bleibt oder in Masslosigkeit, Barbarei und Umweltzerstörung abdriftet. 


