Ausgabe 3 / 2010


Artikel - Hermann Lübbe, em. Professor für Philosophie und Politische Theorie

Brüderlichkeit

Der intellektuelle und moralische Zauber der Brüderlichkeit in der Jakobiner-Parole «liberté, égalité, fraternité» ist nie vollständig erloschen. Er verdankt sich der auf den ersten Blick erhebenden Idee, die Festigkeit und Verlässlichkeit familiärer Bindungen möge auch politisch die Völker, ja die Menschheit zusammenbinden.

Den Missverstand dieser Idee hat bereits in der Frühzeit des europäischen politischen Denkens Aristoteles aufgedeckt. Platon habe vermeint, über die Auflösung der Familie liessen sich geschwisterliche Lebensverhältnisse gemeinverbreitet machen. In Wahrheit werde damit die Geschwisterlichkeit abgeschafft.

Tatsächlich sind Menschen einander Brüder und Schwestern nicht irgendwie, vielmehr einzig als Kinder eines gemeinsamen Vaters. So setzt auch die christliche Brüderlichkeit die Anerkennung gemeinsamer Gotteskindschaft voraus – so in den Anreden und Mahnungen der apostolischen Briefe der Bibel zum Beispiel und in allen Katechismen bis heute. Im Versuch, das politisch säkularisieren zu wollen, wird aus dem Vater leicht ein Grosser Bruder.

Zum Realismus väterlicher Ermahnung zur Brüderlichkeit gehört demgegenüber die Einsicht, dass unter Brüdern Feindschaft besonders erbittert ist. Mythen und Märchen lehren es und die reale Geschichte gleichfalls – die Geschichte der Konfessionskriege zum Beispiel.

Als allgemeines politisches Organisationsprinzip hat somit die Brüderlichkeit keine Verheissung. Nur als Sonderbünde mit rigoroser, sich abgrenzender sozialer Binnenkontrolle sind Bruderschaften, christlich oder auch säkular, lebbar gewesen. Vor dem Versuch, das politisch zu universalisieren, warnte postjakobinisch Heinrich Heine: «Es ist wahr, wir sind alle Brüder, aber ich bin der grosse Bruder und ihr seid die kleinen.» «Nein dafür dank’ ich.»

Entsprechend hat sich auch verfassungsrechtspolitisch die jakobinische Trias nicht positivieren lassen. Immerhin wird gelegentlich in Präambeln an sie erinnert – so historisch naheliegenderweise in der Verfassung der Republik Frankreich. Die Hymne der Europäischen Union will dazu passen – Beethovens Vertonung von Schillers Gedicht «An die Freude» nämlich mit ihrem enthusiastischen Aufruf «Seid umschlungen Millionen!» Schiller vergass freilich nicht zu sagen, dass diese Millionen «Brüder» einzig sein können in Zuordnung zum «Vater» «überm Sternenzelt».

Das bedeutet: Dem Verfassungsgesetzgeber, dem Souverän, steht es nicht zu, sich selbst, das politische Volk also, zu einer Brüderunität zu erheben. Entsprechend kennen die Staatsverfassungen freiheitlicher Tradition Brüderlichkeit nicht als einklagbare und sanktionierbare Tugendpflicht. Sie eröffnen vielmehr regelmässig den Katalog der Bürger und Menschenrechte mit der Gewährleitung von Gleichheit und Freiheit. Komplementär dazu gibt es dann in allen modernen Sozial- und Bildungsstaaten von der Sozialversicherungspflicht bis zur Schulpflicht Verbindlichkeiten, deren Erfüllung den Wohlfahrtsnutzen bürgerlicher Freiheiten sicherer macht und einigen Ausgleich schafft zwischen den unter Menschen stets ungleich verteilten subjektiven Fähigkeiten und Möglichkeiten der Teilhabe an diesem Nutzen.

Das ist die «Beförderung der Gemeinsamen Wohlfahrt», wie wir sie in einer vertrauten Formel auch aus der Verfassungstradition der Schweiz seit 1848 kennen. Nichts steht entgegen, in dieser modernen Sozialstaatlichkeit die moralischen und religiösen Kräfte aus der Brüderlichkeitstradition wirksam zu sehen. Ganz im Gegenteil: Man muss sich auf die Lebendigkeit dieser Kräfte angewiesen wissen und sollte zugleich wissen, dass es sich dabei um politisch, gar verfassungsrechtspolitisch indisponible Kräfte handelt.

Über den Autor

Herman Lübbe, Prof. Dr. Dr. h.c., 1926 in Aurich/Ostfriesland geboren, ist emeritierter Professor für Philosophie und Politische Theorie an der Univer- sität Zürich. Sein umfangreiches Werk ist u.a. ausgezeichnet mit dem Ernst-Robert-Curtius-Preis für Essayistik (1990) und dem Preis der Hanns Martin Schleyer-Stiftung (1995). Jüngst erschienene Bücher u.a.: Philosophie in Geschichten. Über intellektuelle Affirmationen und Negationen in Deutschland (München 2006).Vom Parteigenossen zum Bundesbürger. Über beschwiegene und historisierte Vergangenheiten (Wilhelm Fink Verlag, Paderborn 2007).


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18-May-2010, 07:20 PM
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