Ausgabe 3 / 2010


Artikel - Georg Kohler, Professor für Philosophie

Brüderlichkeit oder die Farbe Rot

«Brüderlichkeit», die Farbe Rot der Trikolore, ist eine Idee (oder eine Sache, eine Einstellung, ein Anspruch, Begriff..., es ist nicht einfach, die Bedeutung dieses Wortes zu klären), die im Gegensatz zu ihren kräftigen Geschwistern – der Freiheit und der Gleichheit, dem Blau der individuellen Autonomie und dem Weiss, das jeder Person denselben Wert einräumt – ein seltsam krummes Schicksal auszuhalten hatte.

Einerseits klassenkämpferische Mobilisierungsparole («die internationale Solidarität»), anderseits dem Argwohn ausgesetzt, das salonfähige Codewort für Filzverhalten und Vetternwirtschaft zu sein, drittens irgendwie sexistisch (wo bleibt die «Schwesterlichkeit»?), scheint die Fraternité vom Geschichtshonorar der französischen Revolution am wenigsten geerbt zu haben.

«Brüderlichkeit»: Uneheliches Kind von 1789 sozusagen; im Lauf der Zeit zum roten Rowdy geworden, der mühsam sich zusammen mit seiner später aufgetauchten Schwester «Schwesterlichkeit» in den individualisierten Gesellschaften der Moderne am Leben erhält... Kein Wunder also, dass die «Brüderlichkeit» keinen Platz in unserer Bundesverfassung gefunden hat, und kein Wunder, dass sie schliesslich den Namenswechsel probierte und nun als «Solidarität» eine immer noch zweifelhafte Gegenwartskarriere macht.

Aschenbrödel der liberalen Ideologie

Will man im Rahmen der zeitgenössischen Politischen Philosophie über «Brüderlichkeit» reden, muss man also unter «Solidarität» nachschlagen. Und man wird durchaus entdecken, dass das Aschenbrödel der liberalen Ideologie die Zukunft auf seiner Seite haben könnte. Nicht, weil wir uns nun plötzlich alle und weltweit als Brüder und Schwestern umarmen würden, sondern weil es an die Probleme erinnert, die weder durch die Rechte der Freien (und die dadurch geschützten Vorteile der Starken) noch durch die Institutionen der Gleichheit (vom nationalstaatlichen Sozialsystem bis zum UNO-Parlament der Menschheit) wirklich bearbeitet, geschweige gelöst werden können. Es sind die Probleme, die mehr verlangen als gleichgültige Toleranz oder das rationale Kalkül wechselseitiger Tauschvorteile, diese zwei Primärmedien des demokratisch-liberalen Rechtsstaates.

Gleichgültige Toleranz und blosse Interessenpolitik reichen nämlich nicht mehr aus, um die Schwierigkeiten einer zunehmend multikulturell werdenden OECD-Welt und die Risiken unseres von den ungeheuren Spannungen fortschreitender Modernisierung geladenen Planeten zu entschärfen.

Globale Schicksalsgemeinschaft

Es braucht ein Verständnis der Tatsache, dass wir die Angehörigen einer globalen Schicksalsgemeinschaft geworden sind, und es braucht die Bereitschaft, auch die «Fremden» – unter Um- ständen sehr Fremden – als Mitglieder der family of man anzuerkennen, um die Vertrauensbasis zu finden, auf der allein Konflikte nicht zu blutigen Kämpfen führen müssen, sondern der Beginn tragfähiger Kompromisse und Übereinkünfte werden können. Die Namen der «Brüderlichkeit»/«Schwesterlichkeit» markieren diese tiefen Bedingungen eher emotionaler als rationaler, eher kommunitaristischer als privatautonomer Natur.

Oder anders gesagt:

«Fraternité» steht für das Moment der Anteilnahme, der Empathie, für jenes nicht vom Kopf oder vom Bauch, sondern vom Herzen genährte Gefühl für die Bedürfnisse, Leiden und Wünsche des Anderen, ohne die dieser kein Mensch wäre, und ohne die wir selber nicht Menschen, sondern allenfalls gut funktionierende, rational egoistisch operierende Automaten sind. – Ich denke nicht, dass wir als Roboter gut durchs 21. Jahrhundert kommen werden.

P.S.: Wer zur Kategorie «Solidarität» eine ausgezeichnete und knappe Analyse sucht, dem empfehle ich den gleichnamigen Artikel im «Handbuch der Politischen Philosophie und Sozialphilosophie», erschienen im Verlag de Gruyter, Berlin 2008.

Über den Autor

Georg Kohler, Prof. Dr., ist seit 1994 ordentlicher Professor für Philosophie an der Universität Zürich, mit besonderer Berücksichtigung der Politischen Philosophie.


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http://www.die-politik.ch/de/archiv/ausgabe-3-2010/artikel/116_bruederlichkeit-oder-die-farbe-rot/
18-May-2010, 07:20 PM
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