Ausgabe 3 / 2010


Artikel - Rudolf Hofer, Bümpliz

Bruderkrieg und Konkordanz

«Und willst Du nicht mein Bruder sein, so schlag ich Dir den Schädel ein.» Das reimten nicht nur die Konservativen Europas nach 1815, es traf immer wieder auch zu.

Demokratie bedeutet, dass sich ein Volk direkt oder indirekt über gewählte Vertreter durch Mehrheitsentscheide selber regiert. Da es sich ja um Meinungsverschiedenheiten unter Brüdern handelt, akzeptiert die Minderheit den Entscheid. Einen Bruder kann man ja nicht wie einen Ehegatten legal durch Scheidung loswerden. Was ist, wenn ein Staat durch Mehrheitsentscheide regiert wird, aber eine Mehrheit eine Minderheit dauernd unterdrückt?

Gewalttätige Brüder

Wir empfinden Konkordanz und nicht gewalttätige Auseinandersetzungen als typisch schweizerisch. In der Mitte des 19. Jahrhunderts empfanden andere Gewalt in der Politik als so typisch schweizerisch, dass das Englische und das Französische den schweizerdeutschen Ausdruck für einen gewaltsamen Regierungswechsel übernahmen: Putsch.

Womit machte die Schweiz zwischen 1830 und 1847 Schlagzeilen: Ein Bürgerkrieg in Basel, ein knapp verhinderter Bürgerkrieg in Schwyz, gewaltsame Umstürze oder Umsturzversuche in Zürich, im Tessin, im Aargau und in Genf, zwei Freischarenzüge gegen Luzern, die Lord John Manners im britischen Unterhaus als Invasion eines Kantons durch einen «gesetzlosen und gewalttätigen Mob» bezeichnete. Die Freisinnigen wollten ihren Brüdern die Freiheit bringen. Die Brüder haben sich kräftig und oft auch erfolgreich gewehrt, bis sie dann im Sonderbundskrieg unterlagen.

Die Freischarenzüge und der Sonderbundskrieg zeigen, wie problematisch Brüderlichkeit sein kann. Erkämpften die Freisinnigen die nationale Einheit der schweizerischen Brüder oder überfielen sie andere eigenständige Nationen wie Luzern?

Referendum statt Gewalt

Die Putschanfälligkeit der frühen schweizerischen Demokratie deutet auch auf die Fragilität der Institutionen hin. Meist war die Sache an einem Tag entschieden. Zur Abwehr brauchte es entweder ein stehendes Heer oder eine stärkere Legitimität der staatlichen Institutionen. Die Verfassungsväter wählten die stärkere Legitimität durch den Ausbau der direkten Demokratie zuerst bei Verfassungs- und ab 1874 auch bei Gesetzesrevisionen.

Es ist schon fast ein Gemeinplatz, dass die Katholisch-Konservativen durch die systematische Anwendung des Referendums ihren Eintritt in den Bundesrat erzwangen. Die Angst vor Gewalt in der Politik mag aber auch eine Rolle gespielt haben. Noch 1890 trugen im Tessin Liberale und Konservative ihre Konflikte mit Waffengewalt aus. Die Armee musste die Ordnung wiederherstellen.

1891 wurde mit Joseph Zemp der erste Katholisch-Konservative in den Bundesrat gewählt. In 43 Jahren hatte die Schweiz den Weg vom Bruderkrieg zur Konkordanz zurückgelegt. Die Brüder stritten sich noch immer, aber sie taten es ohne Gewalt.


» Kommentar verfassen


 
http://www.die-politik.ch/de/archiv/ausgabe-3-2010/artikel/114/
18-May-2010, 07:20 PM
© DIE POLITIK