Christina Le Kisdaroczi

Christina Le Kisdaroczi


Artikel - Christina Le Kisdaroczi, Pädagogin

Versuch über den Begriff der «Gleichheit»

Es gibt Begriffe, welche einen immer begleiten und eine eingeschworene innere Gemeinschaft bilden. Diese sieht bei jedem Einzelnen anders aus. Bei mir steht Gleichheit ziemlich weit vorne. Je mehr ich mich jedoch darum bemühe, diesen Begriff zu erfassen, umso mehr Facetten zeigt er. Ich habe dafür den Namen «Kirchlein von Wassen-Effekt» kreiert, weil sich diese Kirche am Fusse des Gotthards nach jedem Kehrtunnel wieder von einer andern Seite zeigt.

Eben verlasse ich den ersten Tunnel und erblicke mich als kleines Mädchen, das mittlere Kind zwischen zwei Brüdern. «Wen von uns liebst du am meisten?» frage ich meine Mutter. Ihre Antwort, Sie werden es ahnen: «Ich habe euch alle drei genau gleich lieb.»

Wie unlogisch mir dies damals erschien. Drei so unterschiedliche Menschen genau gleich zu lieben überstieg meine Vorstellungskraft. Mama hingegen meinte lakonisch, dies sei bei einer Mutter ganz natürlich.

Ist Gleichheit eine natürliche Eigenschaft?

Inzwischen verlassen wir den zweiten Kehrtunnel. Der Begriff «Normal» erscheint im grellen Gegenlicht der Sonne. Als junge Frau wollte ich alles sein, nur nicht «normal». Denn Normalität war für mich gleich sein wie alle Anderen. Gleichheit als Synonym für Durchschnittlichkeit, Mittelmässigkeit, Langweiligkeit. Mein ganzes Denken und Handeln trachtete danach, der Normalität zu entfliehen, etwas Besonderes zu sein.

Ist Gleichheit ein Synonym für Normalität?

Die Strecke bis zum Verlassen des nächsten Kehrtunnels dauert diesmal etwas länger. Nun sehe ich meine neugeborenen, eineiigen Zwillinge auf der Intensivstation der Neonatologie vor mir. Durch den Tod des einen und die Behinderung des andern Knaben spürte ich von einem Moment auf den andern, wie weit weg sich das Wort «Normal» aus meinem und unserem Alltag entfernte, wie es vom Unwort zum Traum, ja gar zum Mantra wurde.

Das Ringen um Gleichheit mit Gleichaltrigen wurde zum Mass aller Dinge, zum Motor für grosse und kleine (Fort)-Schritte, aber auch zur Quelle von Trauer und Enttäuschung. Heute, mehr als 20 Jahre danach, auf der Basis eines langen, gemeinsam zurückgelegten Lebensweges, erkenne ich hinter dem Bemühen um Normalität das Bedürfnis nach Zugehörigkeit.

Ist Gleichheit eine Voraussetzung für Zugehörigkeit?

Der damals erfolglose Kampf um schulische Integration unseres Sohnes («Meint ihr nicht, dass er mit Gleichgesinnten glücklicher wäre?») führt mich zum Ausgang des nächsten Kehrtunnels. Ungleichheit oder Heterogenität ist für mich als Heilpädagogin und Leiterin einer Fachstelle für integrierte Sonderschulung heute der zentrale Begriff. Während meines Studiums zur Heilpädagogin lernte ich die Entwicklungstheorie von Piaget kennen. Dass Entwicklung das Ergebnis eines dynamischen Prozesses zwischen Assimilation (Strukturerhaltung) und Akkomodation (Umweltanpassung) ist, leuchtete mir ein. Daraus folgernd ist Entwicklung selbstverständlich als individueller Prozess zu verstehen und auch entsprechend zu gestalten. Dies gilt insbesondere auch für das gemeinsame Lernen von Menschen mit und ohne Behinderung. Ich teile die Überzeugung des Soziologen Harald Bremer1: Kein Weg führt am Paradoxon vorbei, dass Pädagogik ungleich sein muss, wenn sie Gleichheit anstrebt. Weil Gleichheit im Sinne von Gleichschaltung Ungleichheit verstärkt.

Bedingt Gleichheit Kompetenz im Umgang mit Ungleichheit? Wir sind beim letzten Kehrtunnel dieser Reise angelangt. Ich schreibe an meiner Masterarbeit, um im Sommer 2010 mein Studium in Beratungswissenschaften abzuschliessen. Als Beraterin und Coach verstehe ich die Anerkennung von Differenz als Voraussetzung für Autonomie, Individualität und Freiheit. Dieser Grundsatz ist für mich sowohl von persönlicher wie auch von gesellschaftlicher Relevanz. Nur ein bewusster Umgang mit Verschiedenheit schafft den Boden für Gerechtigkeit im Sinne sozialer Gleichheit. Dort wo sich ethisch moralisch begründete Absicht und entsprechendes Tun decken, entwickelt sich Kongruenz. Diese ist eine Voraussetzung für echte Anteilnahme und selbstlose Liebe.

1 Bremer, Helmut: Habitus und Lernen. Zur sozialen Selektivität des Bildungswesens am Beispiel der Weiterbildung. Juventa. Weinheim und München.

 

Christina Le Kisdaroczi ist Heilpädagogin, Supervisorin, Coach und Organisationsberaterin. Sie war früher Präsidentin des schweizerischen Vereins «Hilfe für hirnverletzte Kinder». Sie leitet in Winterthur die Fachstelle für integrierte Sonderschulung und ist in der Weiterbildung an der Hochschule für Heilpädagogik (HfH) in Zürich tätig.


» Kommentar verfassen


 
http://www.die-politik.ch/de/archiv/ausgabe-2-2010/artikel/81_versuch-ueber-den-begriff-der-%ABgleichheit%BB/
18-May-2010, 07:20 PM
© DIE POLITIK