Artikel - Tim Frey, Autor

Akademische Freiheit, falsch verstanden.

Von Verschulung der Lehrgänge, von zu hoher Arbeitsbelastung durch Prüfungen, sogar von der Bedrohung der akademischen Forschungs- und Lehrfreiheit ist im Zusammenhang mit der Studienreform Bologna die Rede. Studenten der Uni Zürich brachten es mit der Forderung «Für ein selbstbestimmtes Studium. Gegen die Bolognareform» kurz und knapp auf den Punkt, und auch Professoren stossen zum Teil ins gleiche Horn. Ein ungeliebtes Kind also, diese Reform. Doch eine genauere Betrachtung zeigt, dass nicht «Bologna» ein Problem an sich ist, sondern dessen Umsetzung an bestimmten Fakultäten.

Selbstbestimmung setzt Freiheit voraus, und von der gab es – folgt man den Kritikern der Studienreform – früher mehr. Wir erinnern uns: Ziel des Bologna-Prozesses war die Schaffung eines europäischen Hochschulwesens, 1999 wurde die entsprechende Erklärung von 29 Ländern in Bologna unterzeichnet, die Schweiz war als Mitinitiatorin von Anfang an dabei. Mit diesem Prozess sollte bis 2010 eine einheitliche Bildungslandschaft geschaffen werden, mit einem zweistufigen Studiensystem, mit untereinander kompatiblen und gegenseitig anerkannten Abschlüssen und mit modulbasierten, vergleichbaren Lehreinheiten. Damit sollte die Förderung der studentischen Mobilität, die Zusammenarbeit der europäischen Hochschulen sowie die Qualität der Bildung auf eine neue Stufe gebracht werden. Diese Reform sollte also durch die Schaffung neuer Alternativen ganz neue Perspektiven für Forschung und Bildung eröffnen – und damit mehr Freiheit bringen, denn faktische Freiheit bedingt das Vorhandensein von Alternativen und den damit verbundenen Wahlmöglichkeiten. Vor dem Hintergrund der heftigen Kritik stellt sich nun die Frage: Ist etwas schief gelaufen?

 

Bologna-Glossar

Bachelor: Abschluss der ersten Studienstufe; entspricht drei Jahren Vollzeitstudium (= 180 ECTS-Punkte).

Doppelte Hierarchie: Mit diesem Begriff werden Universitätsleitungen beschrieben, welche über zwei voneinander unabhängige Hierarchien, eine akademische und eine administrative, verfügen.

ECTS: Abkürzung für European Credit Transfer and Accumulation System. Ein ECTS-Kreditpunkt entspricht rund 30 Stunden Arbeitsleistung. Kreditpunkte werden nur angerechnet, wenn eine Leistungsüberprüfung erfolgreich bestanden wurde. Mit dem ECTS-System gekoppelt ist die Einführung relativer Notenskalen, diese ist an Schweizer Universitäten jedoch noch nicht generell vollzogen.

Master: Abschluss der zweiten Studienstufe; bedingt einen zuvor abgelegten Bachelor-Abschluss. Ein Masterstudium entspricht zwei Jahren Vollzeitstudium (= 120 ECTS-Punkte). Dieser Grad hat an Schweizer Universitäten das frühere Lizentiat abgelöst und berechtigt zum Doktorat.

 

Auf dem Papier hat das Ganze mehr oder weniger gut geklappt. Schweizer Universitäten stellen Diplome aus, auf denen die Titel «Bachelor» oder «Master in irgendwas» stehen, sie prüfen regelmässig die Leistungen ihrer Studierenden und verteilen Zeugnisse, in denen nicht nur Noten, sondern auch ECTS-Kreditpunkte vermerkt sind. Davon muss man eine bestimmte Menge sammeln, damit man einen Abschluss erhält. Gezählt werden aber nur Punkte, die auch durch eine erfolgreiche Prüfung «validiert» wurden, wie es so schön heisst. Konkret bedeutet das, dass am Ende jeder Lehrveranstaltung in irgend einer Form eine benotete Leistung erbracht wird, zum Beispiel eine Prüfung, eine Hausarbeit oder ein Referat. Und so sieht denn auch heute der studentische Alltag in der Schweiz aus. Früher gab es solche Prüfungen nur an den eidgenössischen Hochschulen, für die Mediziner und zum Teil bei den Naturwissenschaftlern. Heute, und hier liegt wohl der erste Hund begraben, gibt es solche Leistungsüberprüfungen überall. So erstaunt es nicht, dass sich der Widerstand gegen die Studienreform dort am heftigsten regt, wo früher praktisch keine Leistungsüberprüfungen durchgeführt wurden: An den philosophischen Fakultäten der nach Humbold’schem Ideal selbstverwalteten Universitäten.

Die Prüfungen alleine für die Malaise verantwortlich zu machen, wäre aber vermessen. Tatsächlich hat sich das Studium mit der Reform generell stark gewandelt. Es gibt mehr Vorlesungen, mehr Präsenzpflicht, mehr Druck als zu den Zeiten des Lizentiatsstudiums, welches den Studenten grosse Wahlfreiheit bei den Fächerkombinationen und Kursen und in Bezug auf die Präsenz liess und normalerweise erst nach eineinhalb Jahren eine Zwischenprüfung und dann ganz am Ende eine Abschlussprüfung vorsah. Die Prüfungen des Lizentiatsstudiums glichen oft mehr Ritualen als echten Leistungsüberprüfungen; so war beispielsweise an der philosophischen Fakultät der Uni Zürich in den vergangenen Jahren im Schnitt nur eine von 400 Lizentiatsteilprüfungen ungenügend. Die Studenten waren aber nicht durchwegs brillant, im Gegenteil. Breit war die Qualitätsstreuung der Absolventen, und manch einer ist stolz auf ein Lizentiatsdiplom, das letztlich sein Versprechen nicht hält. Viele andere Studenten blieben aber auf der Strecke. Diese – einige Schätzungen gehen von bis zu einem Drittel aller Studienanfänger aus – brachen das Studium irgendwann ab, aus Frust, Überforderung, oder aus sonst einem Grund – und verschwanden damit im bildungspolitischen Nirwana, ausserhalb des sensiblen Bereichs von Bildungsforschern. Mit der Studienreform hat sich das Prüfungsregime stark gewandelt. Studierende, welche die geforderten Leistungen nicht erbringen oder erbringen können, werden schon früh entdeckt und im schlimmsten Fall vom Studium ausgeschlossen. So brutal das klingt, wir dürfen nicht vergessen, dass die Hochschulen per Definition keine Sonderschulen sind, sondern dass sie sich in Forschung und Lehre an den besten Universitäten der Welt messen müssen. Fazit: Verschwanden früher viele Studenten sang- und klanglos aus dem Studium, so rücken sie heute ins Bewusstsein, denn sie scheitern sichtbar, früher und innerhalb des Systems.

Das wichtigste Merkmal vieler aktueller Bachelor- und Masterlehrgänge ist jedoch eine grosse Unsicherheit und Orientierungslosigkeit seitens der Studenten, hervorgerufen durch chaotische Züge bei der Lehrplangestaltung einerseits und durch einen zum Teil exzessiven Formalismus bei der Studierendenverwaltung andererseits. Diese Merkmale treten wiederum in den humanistischen Fachbereichen selbstverwalteter Universitäten besonders sichtbar zu Tage. Und dafür gibt es handfeste Gründe: Erstens finden sich sehr viele Studenten in diesen Fakultäten. Zweitens gibt es dort besonders viele Professoren. Drittens gibt es keine Institution, die diese grosse Anzahl von Professoren irgendwie zu koordinieren vermag. Und viertens sind diese Professoren nicht nur für die Forschung und den Lehrbetrieb verantwortlich, sondern auch für die Organisation.

Die Idee der selbstverwalteten Akademie ist eine noble, sie ist aber kein fertiler Boden für Reformen in grossen Fakultäten. Der überschaubaren Professorenrunde kleinerer Fakultäten fiel es wesentlich einfacher, die Studienreform umzusetzen, und an den eidgenössischen Hochschulen sowie an den Universitäten Genf und Lausanne sorgte die doppelte Hierarchie für die Koordination des Lehrkörpers. Diese Schulen und Fakultäten starteten den Bologna-Prozess früh und setzten ihn schrittweise um – meist problemlos. An der Universität Basel wurde das Problem durch eine Fakultätsspaltung zum Teil «gelöst», an der Universität Zürich, wo in jüngerer Vergangenheit die heftigsten Proteste gegen die Studienreform auftraten, hingegen nicht. Anstelle der Frage, wie zeitgemässe und gute Lehrgänge für interessierte Studierende gestaltet werden könnten, standen vielmehr Partikularinteressen einzelner Professoren im Vordergrund. Lange wurde darüber gestritten, welcher Kurs nun wie viele Punkte gibt, und wie sich die verschiedenen Fächer kombinieren lassen. Herausgekommen ist am Ende ein verwaltungstechnisches Monstrum, das Verwalter zu bändigen versuchen – während der universitäre Lehrkörper Schwimmübungen macht.

Die Reform ist nicht gescheitert, aber insbesondere die grossen, selbstverwalteten Fakultäten stehen heute in der Pflicht, die Oberhand über die Organisation und Gestaltung des Lehrbetriebs zurückzugewinnen, ohne dass dabei die Qualität unter die Räder kommt. Dazu müssen sich alle vom Gärtchendenken verabschieden, und auch vom Bild des Studierenden, der, getrieben von Wissensdurst und aus Liebe zur Forschung, auch spät Nachts noch freiwillig in der Bibliothek sitzt. Gelingt dies nicht, dann wird viel Freiheit verspielt, denn Schweizer Universitäten stehen nicht untereinander in Konkurrenz, sondern zunehmend gegenüber Hochschulen anderer Länder dieser Welt.


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18-May-2010, 07:20 PM
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