Jaques Neirynck, Nationalrat

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Artikel - Jaques Neirynck, Nationalrat

Freiheit - Wer hat's erfunden? Ein Genfer!

Vor der Ära Rousseau war Freiheit bloss eine metaphysische Abstraktion: Der Mensch war frei, seinen Leidenschaften zu widerstehen, sie zu beherrschen, sich zu vervollkommnen an Freiheitseinschränkungen, die sich selbst aufzuerlegen er frei war. Die Erziehung, das Gesetz, das Rechtssystem, das Strafrecht, alles war danach ausgerichtet, diesen Zustand zu erreichen. Man konnte, nein, man musste seine Kinder züchtigen undVerdächtige foltern, um ihnen ihre schlechten Neigungen auszutreiben. Und die politische Unterdrückung diente angeblich der Stärkung des freien Willens der Individuen.

Keine Freiheit ohne Gerechtigkeit

Jean-Jacques Rousseau kehrt diesen Naturzustands-Pessimismus um. Für ihn wird der Mensch unschuldig geboren. Er korrumpiert sich aus der Sicht Rousseaus einzig durch die Gesellschaft. Die Unabhängigkeit ohne jegliche Regeln, wo jeder ohne Rücksichtnahme das tun und lassen kann wie es ihm gerade gefällt, ist nur eine negative Freiheit. Ohne Gerechtigkeit kann niemand frei sein, denn Freiheit ohne Gerechtigkeit ist ein Widerspruch in sich selbst. Man ist nur frei innerhalb begrenzender Normen, die verhindern, dass jeder und jede macht, was er oder sie will. Freiheit braucht Regeln, die den Menschen Grenzen aufzeigen, innerhalb derer sie frei leben können. Diese Regeln lassen sich jedoch nicht von aussen aufzwingen. Es sind die Gesetze, welche sich ein Volk selbst gibt. Gesetze, die aus freiem Willen entstanden sind, verhindern gesellschaftliche Konflikte. Sie definieren, was jeder für sich und seine Mitmenschen als Regeln des Zusammenlebens akzeptieren kann.

Diese moralische Freiheit Rousseaus ist nicht von allen Verlockungen frei: Sie ist definiert als Möglichkeit, die eigenen gegebenen Neigungen zu besiegen, indem sie sie ordnet und sie befriedigt, mit den Fähigkeiten, die der Mensch besitzt. So gesehen bedeutet leidenschaftslos zu sein eben gerade nicht Freiheit. Frei ist man erst dann, wenn man es versteht, denjenigen Leidenschaften zu frönen, die man auch befriedigen kann.

Der Rechtsstaat

Heute ist diese Debatte des Zeitalters der Aufklärung vorbei. In einem Rechtsstaat hat man keine willkürliche Verhaftung mehr zu befürchten, kann jeder seine Religion ausüben, hat man das Recht zu lesen und zu publizieren ohne Zensur zu befürchten, kann Handel treiben, wie man dies möchte. Wir sind regiert von Bürgern, die wir gewählt haben und die nach Ablauf ihres Mandats wieder ihren Platz in der Bevölkerung einnehmen, und es besteht strikte Gewaltentrennung. Was für Fortschritte hat die Freiheit gemacht, seit dieser bescheidene Genfer Bürger darüber nachgedacht hat!

Die Auswüchse

Dennoch kommt man nicht umhin, sich zu gewissen Auswüchsen, zu denen diese Freiheit geführt hat, Gedanken zu machen. Um das Abdriften zu verhindern, genügt ein vom Volk oder von seinen Repräsentanten eingesetztes Gesetz nicht. Der Börsenmarkt ist dazu ein passendes Beispiel. Die Freiheit, Aktien zu emittieren, zu verkaufen und zu kaufen, hat Luftblasen produziert, um nicht von den Betrügereien zu sprechen, die durch das Gesetz sanktioniert werden. Dies ist jedoch nicht der einzige Ort, wo die Freiheit wütet. Die Werbung ist Ort der institutionalisierten Lüge. Der Himmel wird einem versprochen, nur damit ein Produkt verkauft wird. Und auch die politische Kontroverse bedient sich dieser Methode. Die Freiheit ist unser wertvollstes politisches Gut, deshalb auch das begehrteste. Es ist gleichzeitig dasjenige, welches seit seiner idealistischen Definition vor drei Jahrhunderten am stärksten verfälscht wurde. Freiheit kann heute nur noch auf einem schmalen Grat zwischen allgemeiner Anarchie und bürokratischer Diktatur gelebt werden.


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http://www.die-politik.ch/de/archiv/ausgabe-1-2010/artikel/58_freiheit--wer-hat%27s-erfunden%3F-ein-genfer%21/
18-May-2010, 07:20 PM
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