Ausgabe 3 / 2013


Kolumne - Anton Keller, alt Nationalrat

Tradition verbindet

Der gelegentlich geäusserte Vorschlag, vom C im Parteinamen abzurücken, würde die CVP ins Abseits führen. Denn das traditionelle C stiftet, wie nichts anderes, Identität. Es ist das Markenzeichen, in dem sich die Mitglieder erkennen. Es müsste nur dann aufgegeben werden, wenn es nicht als Verpflichtung empfunden würde.

Was ist das C? Es drückt weder Frömmelei noch Anmassung aus. Es ist nicht Ausdruck eines diffusen Christentums. Dieses C ist politisch. Es beruht auf der christlichen Soziallehre, insbesondere der Enzyklika rerum novarum von 1891. Es meint eine ganz bestimmte gesellschaftliche Zusammengehörigkeit, die sich auf die drei Säulen Freiheit, Solidarität und Subsidiarität abstützt. Diese Prinzipien in die Praxis umzusetzen, ist der traditionelle Auftrag der CVP.

Dieses C heisst Volkspartei sein, das heisst Einbindung aller Volksgruppen, das heisst Einsicht, allen Volksgruppen zu ihrem Recht innerhalb des Volksganzen zu verhelfen, und zwar gemeinsam.

Zu meiner besten Zeit in Bern arbeiteten führende Köpfe in der Fraktion auf dieses Ziel hin. So denke ich etwa an den Aargauer Ständerat und Wirtschaftsvertreter Binder, der sich voll hinter ein Arbeitnehmeranliegen stellte, wenn man ihn von der Wichtigkeit dieses Anliegens für die entsprechende Gruppe überzeugte. Ich denke an den wirkungsvollen Förderer der Bergkantone Dumeni Columberg, den man aber mit Erfolg auch für städtische Fragen ansprechen konnte. Ich denke an den Landwirt Josef Kühne, der beispielsweise das neue Gesetz über die berufliche Vorsorge der Arbeitnehmer als Sprecher der Fraktion mit Überzeugungskraft vertrat. Ich denke an die beiden Luzernerinnen Josi Meier und Judith Stamm, welche die Anliegen der Frauen mit grossem Erfolg in der männerlastigen Fraktion vertreten haben. Ich denke an den Genfer Jean-Philipp Maître und sein effizientes Engagement für den Ausgleich der Interessen in der Fraktion.

Zwar blieb jeder in einem gewissen Sinne Interessenvertreter. Das Ringen um Lösungen in der Fraktion war intensiv, auch schmerzlich, weil gemeinsame Lösungen immer auch Verzicht bedeuteten mit Blick auf die Interessengruppe, der man primär angehörte. Jeder musste bei Gelegenheit über seinen Schatten springen.

Aber es waren tief befriedigende Augenblicke, wenn sich die Fraktion gemeinsam hinter ein bestimmtes Anliegen mit grosser Geschlossenheit stellen konnte, sei es eines der Bauern, der KMU, der Industrie, der Arbeitnehmer. Da entfaltete das C seine Strahlkraft.

Für mich sollte die CVP jene Volkspartei sein, wie ich sie oben skizziere. Als Vertreter des christlichsozialen Lagers erlaube ich mir insbesondere die Frage, ob es für die Partei nicht erfolgversprechend wäre, über den Stellenwert der Arbeitnehmer in der CVP vertieft nachzudenken.


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30-Oct-2009, 10:44 AM
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