Ausgabe 3 / 2013


Kolumne - Gerhard Pfister

Missing Link

Wilhelm Tell, sofern es ihn gab, und ihn so gab, wie Schiller meinte, musste zur Freiheit gezwungen werden. «Der Starke ist am mächtigsten allein», meinte er, als die Eidgenossen ihn um Hilfe baten. Erst die Hybris Gesslers stiess Tell in den Freiheitskampf. Schweizer brauchen ab und zu einen Schubs, um sich zu bewegen. Schiller wusste, dass Freiheit ohne Risiko nicht zu haben ist.

Heute hätten wir wieder einen Schubs nötig. Jetzt müsste Tell den Freiheitskampf vor allem im Inland führen, nicht mehr gegen ausländische Tyrannen.

Unsere Trägheit ist die grösste Gefährdung. Diese lässt Politik und Volk dahindämmern, wenn sich die nächste staatliche Beglückungskampagne am Horizont erhebt wie der Leviathan von Hobbes.

Nullrisiko Gesellschaft heisst das Ungeheuer: Anti-Raucher-Gesetze, Anti-Alkohol-ab-22Uhr-Gesetze, Nulltoleranz bei allen Unfällen und bei jeder Bewegung. Sogar zu Fuss auf Eis wird’s schnell juristisch. Autos sind Projektile. Werbung darf nicht verführen. Grossmütter dürfen sich nur diplomiert um Enkel kümmern. Essen wird zum austarierten Gefecht mit Kalorien, Cholesterin, Gewicht und schuldbewusstem Über-Ich. Selbstkasteiung im Fitness Center wird zum modernen Flagellantentum. Man darf nicht zu dick, zu dünn, zu dumm, zu klug, zu aktiv, zu ruhig, zu schnell oder zu langsam sein.

Alles wird zuerst pathologisiert – anschliessend therapiert. Leben wird lebensgefährlich. Am Ende ist die Schweiz nicht mehr der Hort der Freiheit, sondern ein keimfreies Resort für Stündeler.


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30-Oct-2009, 10:44 AM
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