Ausgabe 3 / 2012


Artikel - Lambert Wiesing, Professor für Vergleichende Bildtheorie

Alltag und Ästhetik

Aus einer traditionellen Sicht liesse sich sagen, dass sich Ästhetik und Alltag regelrecht ausschliessen, dass sie als eine Opposition verstanden werden müssen. Doch die Frage ist: Kann nicht auch Alltag ästhetisch sein?

Üblicherweise wird ja gerade jene Sphäre des menschlichen Lebens als «Alltag» bezeichnet, in der es nicht um ästhetische Belange, sondern um Durchschnittlichkeit, Funktionalität, praktische Interessen und Nützlichkeit geht. Dies ist zumindest die Bedeutung von Alltag, die sich heute durchgesetzt hat und die sich vielleicht das erste Mal in expliziter Form in Campes «Wörterbuch der Deutschen Sprache» von 1807 findet. Dort kommt es zu einem entscheidenden Umbruch in der Entwicklung des Alltagsbegriffs. «Alltag» bezeichnet nun nicht mehr nur ausschliesslich die Wochentage, welche keine Sonn- und Feiertage sind, sondern darüber hinaus auch eine – eben nicht an bestimmte Wochentage gebundene – lebensweltliche Wirklichkeit. Eine Wirklichkeit, die von Gewöhnlichkeit, Sorge, Arbeit, Normalität und Banalem bestimmt wird. Auf den Punkt gebracht heisst das: Auch ein Feiertag kann Alltag sein.

Opposition zwischen Ästhetik und Alltag

Solange man davon ausgeht, dass sich die ästhetische Erfahrung dadurch auszeichnet, dass sie ein gesteigertes oder reflektiertes, ein besonderes — weil bewusstes — Erlebnis mit einer besonderen Einstellung ist, kann der Alltag nicht ästhetisch sein. Bei Immanuel Kant haben wir das klassische Musterbeispiel für ein Ästhetik-Verständnis, dass das Ästhetische und die Alltagserfahrung als Opposition definiert. Kaum eine andere Ästhetik dürfte für die Ausbildung dieses Gegensatzes derart grundlegend sein wie die von Kant. Seine bekannte Hauptthese besagt, dass eine ästhetische Erfahrung Interesselosigkeit bedingt. Nur ein Subjekt, welches den Dingen der Welt gegenüber kontemplativ eingestellt ist, erfüllt die Voraussetzungen, unter denen es zu ästhetischen Erfahrungen kommen kann. Aus einer traditionellen Sicht liesse sich sagen, dass sich Ästhetik und Alltag regelrecht ausschliessen, dass sie als eine Opposition verstanden werden müssen. Doch die Frage ist: Kann nicht auch Alltag ästhetisch sein? Doch genau diese kontemplative Haltung ist eine, die im Alltag normalerweise nicht eingenommen wird – und auch nicht eingenommen werden kann. Deshalb verhindert nichts eine ästhetische Erfahrung mehr, als die für alltägliche Vorgänge notwendige, normale Einstellung. Nämlich das lebensweltliche Interesse, das heisst das lnvolviert-Sein in Zweckzusammenhänge. Doch man braucht nicht nur an Kant zu denken. Dass zwischen Alltag und Ästhetik eine Opposition besteht, ist ein Gedanke, der sich auch im 20. Jahrhundert findet, wie man mit Adorno belegen kann.

Hinwendung der Ästhetik zum Alltagsgegenstand

Sowohl für Kant als auch für Adorno lassen sich im Vollzug des Alltagslebens — sei es beim Autofahren, beim Essen oder beim Einkaufen — keine ästhetischen Erfahrungen machen. Diese Ansicht ist nicht unkritisiert geblieben. Das ist auch gut so. Seit den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts lassen sich zahlreiche Versuche beobachten, das traditionelle Verständnis des Gegensatzes zwischen ästhetischen und alltäglichen Sphären zu unterwandern.

Das Ergebnis dieser Entwicklung ist eine heute kaum noch überschaubare Menge an Studien aus den unterschiedlichsten Kulturwissenschaften über die ästhetische Verfassung aller nur erdenklichen alltäglichen Dinge: sei es die Cola-Flasche, die Pfennig-Münze, eine Teetasse oder das Hotelzimmer. Der gemeinsame Grundgedanke dieser Hinwendung der Ästhetik zum Alltagsgegenstand scheint mir — bei allen Unterschieden innerhalb dieser Richtung — darin zu bestehen, dass die Gestaltung eines noch so alltäglichen Gegenstandes immer noch Aspekte und Entscheidungen enthält, die sich nicht auf funktionale Notwendigkeit oder Nützlichkeitserwägungen reduzieren lassen.

Nicht alles ist Kunst

Es mögen heute zwar alle möglichen Alltagsgegenstände im Kunstmuseum stehen, doch deshalb sind keineswegs alle Gegenstände des Alltags Kunstwerke. Die Ästhetik der Alltagsgegenstände ist immer mit der Gefahr konfrontiert, durch ästhetische Beschreibungen alles so zu behandeln, als wäre es grosse Kunst. Und genau diese Alles-zu-Kunst-machende-Beschreibung scheint mir eine Gefahr zu sein: Der ästhetischen Erfahrung von Alltagsgegenständen wird man eben nicht gerecht, wenn man diese Form der ästhetischen Erfahrung mit der ästhetischen Erfahrung von Kunstwerken gleichsetzt.

Mir scheint in der Tat, dass das Konzept der ästhetischen Erfahrung bisher zu sehr mit der Prämisse erforscht wurde, dass es ästhetische Erfahrungen nur angesichts der Kunst und angesichts der Natur gibt. Nun kann man sagen, dass doch die bekannte, grundsätzliche Stärke einer jeden Theorie der ästhetischen Erfahrung ja gerade darin besteht, dass sie auch dem Alltagsgegenstand gerecht wird. Wenn man eine Theorie der ästhetischen Erfahrung entwirft, dann spielt die sukzessive Abkehr der Kunst im 20. Jahrhundert vom traditionellen Kunstbegriff keine Rolle, dann ist die Entgrenzung der Werkvorstellungen in der Avantgarde durch das Vermischen von Kunst und Leben für die Theorie nicht von Bedeutung: Alles ist dann schliesslich so ästhetisch, wie wir es in unserer ästhetischen Einstellung sein lassen. So ist es . dem soll nicht widersprochen werden: Man kann naturlich auch an einem Alltagsgegenstand die Erfahrung machen, die man an Kunstwerken macht. Schon so manches Auto hat einem Betrachter ermoglicht, in den Zustand des freien Spiels seiner Erkenntniskrafte zu treten. Aber man fahrt dann nicht mehr mit dem Auto, sondern behandelt es als Skulptur, was es im Alltag nun mal nicht ist. Das Problem ist: Wer etwas als Kunst betrachtet, betrachtet es eben nicht mehr so, wie es im Alltag genutzt, gesehen wird, wie es in der Verwendung gegenwartig ist.

Insofern kann man sagen: Die in der Ästhetik der letzten dreissig Jahre so ausgesprochen verbreitete Hinwendung zur ästhetischen Erfahrung korrespondiert mit Entwicklungen sowohl in der Kunst wie auch im Alltag, die es immer weniger plausibel erscheinen lassen, Asthetik auf die Kunste zu beschränken. Aber genau das, was einerseits ein Vorteil an Weite ist, namlich dass Theorien der asthetischen Erfahrung sowohl die Hochkultur wie auch den Alltagsgegenstand erfassen konnen, kann sich auch als ein Nachteil entpuppen, namlich genau dann, wenn durch diese Beschreibung die asthetischen Objekte des Alltags so thematisiert werden, als wurden sie im Alltag wie Museumsstucke rezipiert.  

Prof. Dr. phil. Lambert Wiesing ist seit 2001 Inhaber der Professur "Vergleichende Bildtheorie" an der Friedrich-Schiller-Universitat Jena, Deutschland. Seine Arbeitsgebiete sind Bildtheorie, Asthetik, Wahrnehmungsphilosophie und Phanomenologie. Von 2005 bis 2008 war er Präsident der Deutschen Gesellschaft für Ästhetik.


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30-Oct-2009, 10:44 AM
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