
Lesen sie auch:
- Schön ist, was gefällt
- So sterben, wie wir geboren wurden...
- Reich der Zeichen
- Alltag und Ästhetik
- Vision einer nachhaltigen Energieversorgung
Kolumnen:
Abo-Bestellung:
DIE POLITIK auf Facebook:
Artikel - Pius Knüsel, Direktor Pro Helvetia, Schweizer Kulturstiftung
Sind Games Kunst?
Entsteht aus Computerspielen eine neue Kunst? Diese Frage steht im Fokus des Programms GameCulture, das Pro Helvetia 2010 aus der Taufe hob und das im Herbst 2012 zu Ende geht. Anderthalb Jahre hat es gedauert, bis die dazugehörige öffentliche Debatte ins Rollen kam – mit einer Attacke von Suisseculture, dem Dachverband der Schweizer Kulturschaffenden, auf das GameCulture-Programm. Pro Helvetia dürfe, so Suisseculture, nicht selber denken und schon gar nicht initiativ werden. Ein typisch helvetischer Stellvertreterstreit.
In der Oktoberausgabe 2010 von DIE POLITIK antwortete der Aktionskünstler Heinrich Gartentor auf die Frage, was Kunst sei: «Kunst ist, was der Künstler oder die Künstlerin macht.» Die Antwort bezeugt nicht nur die gegenwärtige Ratlosigkeit, die den Begriff Kunst umgibt. Sie ist vor allem tautologisch, denn auf die Folgefrage, was ein Künstler sei, müsste die Antwort heissen: «Ein Künstler ist jemand, der Kunst macht.»
Oder meint Gartentor, selber Präsident von visarte, Berufsverband der visuellen Künstler, ein Künstler sei jemand, der einem der bei Suisseculture zusammengeschlossenen Verbände angehöre? Künstlertum sei also eine Sache der Mitgliedschaft bei visarte, beim Tonkünstlerverband oder bei den Vereinigten Theaterschaffenden der Schweiz? Dazu würde gut passen, dass Pro Helvetia gemäss Suisseculture nur auf Bedürfnisse eingehen dürfte, die von verbandsmässig organisierten Künstlern formuliert werden.
Eine solche Maxime bedeutete auf einen Schlag das Ende von Kulturpolitik und Kulturförderung. Natürlich dreht sich die Tätigkeit von Pro Helvetia um die Bedürfnisse von Künstlerinnen und Künstlern. Doch sie zum alleinigen Massstab der Förderpolitik zu machen, hiesse ganz einfach, jene zu privilegieren, die im Umgang mit der Stiftung geübt sind. Es hiesse, die gegenwärtigen Verhältnisse zu zementieren und jene auszuschliessen, die aus heutiger Sicht an den ästhetischen, geographischen und sozialen Rändern von Kunst und Kultur tätig sind. Es hiesse, das Desinteresse der Hochkultur an der Volkskultur zum Prinzip zu erheben. Es hiesse, Computerspiele zu einer Aufgabe der Sozialpolitik zu machen, weil sie mit Sucht und Gewalt konnotiert sind. Die Attacke von Suisseculture auf die Programme von Pro Helvetia ist in diesem Sinne ein Stellvertreterstreit. Es geht darum, wer die Definitionsmacht hat über den Begriff Kunst. Und die damit verbundene Möglichkeit staatlicher Unterstützung. Pro Helvetia selbst dürfte in die ser Sache gar nicht mitreden.
Öffentliches Experiment
Programme, in erster Linie Themen- oder Impulsprogramme, wie Pro Helvetia sie nennt, sind nichts anderes als öffentliche Experimente. Sie betreffen meistens Phänomene, über die sich die Gesellschaft nicht einig ist. Computerspiele zum Beispiel. Die Fakten: Computerspiele sind das dominierende kulturelle Phänomen. Mindestens die Hälfte der Bevölkerung ergibt sich ihnen. Computerspiele sind auch ein ästhetisches Faktum. Sie sind mehr als ein Äquivalent zu Schach oder «Mensch ärgere dich nicht». Sie gestalten Welten, Erzählungen, bauen auf Musik, verlangen moralische Entscheide. Vor allem sind sie interaktiv – sie erfüllen einen Jahrhunderte alten Traum der Künstler. Sie sind eine Art Oper, in der der Spieler die Hauptrolle spielt. Nur dass in dieser Interaktivität der Künstler selbst verschwindet. Sind Computerspiele deswegen Kunst? Sie können Kunst sein. Genau wie bei den Büchern. Nur 10 Prozent aller Bücher haben etwas mit Literatur zu tun. Und von diesen 10 Prozent ist nur 1 Prozent künstlerisch wertvoll. Oh e Literaturförderung wäre es vielleicht nur ein halbes Prozent.
Die Aufgabe von Kulturförderung ist eine doppelte: für ein herausforderndes Angebot in den verschiedenen Künsten zu sorgen. Und Raum für Entwicklung zu schaffen. Kultur, ja Kultur steht niemals still, und wer sie im Gestern festhalten will, verliert den Anschluss – ans Publikum.
Förderungswürdige Computerspiele?
Angebotsverbreiterung schafft Kulturförderung – Pro Helvetia im Besonderen – durch finanzielle Anreize für Projekte, die von Künstlern und Institutionen entwickelt werden. Entwicklungsförderung hingegen betreibt sie mit Programmen, an denen Künstler, Förderer, Hochschulen, Veranstalter und die Öffentlichkeit beteiligt sind. Programme schaffen eine Bühne, auf der der Kunstbegriff verhandelt wird. Auf der die junge Generation von Schweizer Gamedesignern lernt, was «künstlerischer Anspruch» bedeutet. Wo Kulturförderer sich klar werden, was förderungswürdige Computerspiele sind. Das passiert alles nicht, wenn Gamedesigner Gesuche einreichen wie die Profis aus den Verbänden (und wie Suisseculture es vorschlägt). Sie hätten gar keine Chance, weil es noch keine Kriterien, keine Werteskalen gibt, keine öffentliche Verständigung über die Ästhetik von Computerspielen. Im Kontext eines Programms ist das möglich, Polemiken inklusive. Wenn es Pro Helvetia dank GameCulture gelingt, den Anteil der künstlerisch wertvollen Co puterspiele made in Switzerland in den nächsten Jahren zu verdoppeln, so hat sich Game- Culture mehr als gelohnt. Dann können die Spieler auch zu Spielen greifen, die inhaltlich und ästhetisch herausfordern. Dass das Potential in der Schweiz vorhanden ist, hat der erste Projektwettbewerb gezeigt.
Die Entwicklung der Kunst wird von der Entwicklung der Medien getrieben. Das begann mit der Erfindung des Buchdrucks. Computerspiele sind ein neues Medium, und wie alle neuen Medien populärer als die alten. Das dürfen Kulturförderer, die ihre Aufgabe integrativ statt ausschliessend verstehen, nicht ignorieren.



