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Interview mit Enrique Steiger - Marianne Binder
So sterben, wie wir geboren wurden...
Ein Gespräch über Schönheit mit Enrique Steiger, Facharzt für Ästhetische und Plastische Chirurgie
Was ist Schönheit?
Ein Grundbedürfnis des Menschen wie Ernährung und körperliches Wohlbefinden. Ein Gut wie Gesundheit. Man kann Schönheit nicht erwerben, was sie auch so wertvoll macht, und man kann sie schwer beschreiben. Wenn es so wäre, dass man die Kriterien auf einfache Weise festlegen könnte, wäre der Erfolg einer Mona Lisa reproduzierbar. Das ist bekanntlich noch nie gelungen.
Aber gewisse Kriterien gibt es schon? Richtige Proportionen beispielsweise.
Ja, Polykleitos hatte für die Antike den Idealmenschen so definiert, dass der Kopf einen Achtel der Körperlänge ausmachen sollte. Bei einem entstellten Verun fallten versuche ich die eine Gesichtshälfte der anderen anzupassen, weil wir mehr oder weniger symmetrisch sind. Mehr oder weniger. Denn allzu viel Symmetrie empfinden wir wiederum als langweilig.
Ich dachte immer, Grace Kelly sei perfekt symmetrisch…
Das ist sie nicht. Und Angelina Jolie auch nicht. Ein Gesicht ist in Drittel unterteilt und jedes Drittel muss die gleiche Grösse haben. Bei Angelina Jolie ist der unterste Teil deutlich kleiner als der oberste, und dennoch gilt sie als eine der schönsten Frauen der Welt. Auch in der Asymmetrie liegt Schönheit.
Würde Ihnen eine Grace Kelly oder eine Angelina Jolie gelingen?
Mit aufwändigen Operationen und kieferchirurgischen Eingriffen wahrscheinlich schon. Man kann einen Schädel auseinandernehmen, anders formen und wieder zusammenbauen. Aber das würde ich nie tun. Eigentlich wollen wir doch gar keine starken Veränderungen unseres Seins, sogar wenn wir uns wenig attraktiv finden. Wenn ich jemanden mit einer schlimmen Missbildung im Gesicht rekonstruiere, soll er sich schliesslich hinterher selber noch erkennen.
Fay Weldon hat einen Roman geschrieben über eine hässliche Frau, welche sich in zahlreichen Operationen in ihr Schönheitsidol verwandelt, um so zu werden wie sie. Es gelingt ihr nicht.
Man kann sich durch ein anderes Äusseres nicht neu erschaffen. Wenn jemand vollkommen anders aussehen will, wird er bei uns zuerst vom Psychiater begutachtet, nicht vom Schönheitschirurgen. Marilyn Monroe schrieb in ihr Tagebuch: «Ich bin nicht Marilyn Monroe. Ich spiele nur eine Frau, die ich nicht bin.» Marilyn Monroe hatte sich zu einer Kunstform machen lassen, erfolgreich und angebetet, aber sie stand ein Leben lang im Zwiespalt mit sich selbst.
Und doch hat das Äussere Einfluss auf das Innere und umgekehrt.
Ich nenne das Beispiel meiner Mutter, deren Äusseres wichtiger Bestandteil in ihrem Leben war, auch wenn sie das so nie gesagt hat. Sie war wegen ihrer Schönheit gesellschaftlich begehrt und umgeben von spannenden und interessanten Leuten. Als sie älter wurde, hat sie darum gekämpft, einen Teil ihrer Attraktivität zu bewahren. Ich stelle in meiner Praxis fest, dass attraktive Menschen mehr Mühe haben, älter zu werden. Der Verlust eines grossen Teils dessen, was sie ausmacht, wiegt schwerer.
Und da haben Sie Ihre Mutter operiert.
Ja. Sie fand, ihr Äusseres reflektiere nicht mehr ihr Inneres. Alter ist verbunden mit dem Verlust von Vitalität, Beweglichkeit, Lebensqualität. Deshalb ist es verständlich, dass der Mensch zur Erhaltung der äusseren Fassade drängt. Eine andere Form, den Alterungsprozess aufzuhalten, wählen beispielsweise ältere Männer, welche sich mit jüngeren Frauen zusammentun. Der Stress in dieser Situation wiederum besteht oft darin, dass man sie verwechselt mit dem Vater ihrer jungen Partnerinnen, worauf sie dann mich aufsuchen…
Ist das nicht oberflächlich, sich so auf Äusserlichkeiten zu konzentrieren?
Wer sagt, Schönheit sei etwas Oberflächliches, sie sei vernachlässigbar, verkennt die Realitäten des Daseins. Attraktivität suggeriert vieles, was wir gerne hätten: gesunde Gene, Vitalität, Erfolg.
Da berühren Sie aber in einer Gesellschaft aus Gleichberechtigten ein Tabu. Zu behaupten, Schönheit sei ein Erfolgsfaktor, ist politisch alles andere als korrekt.
Das hat damit zu tun, dass wir nicht fassen können, was Schönheit uns antut. Dass wir uns durch Dinge führen lassen, welche wir nicht unter Kontrolle haben. Dem Menschen ist die Bezogenheit auf Äusseres genmässig implantiert. In seinem Fortpflanzungsprozess ist er an Kriterien gebunden, welche aus Äusserlichkeiten bestehen.
Und obwohl Sie sagen, Schönheit sei einem gegeben, pfuschen Sie der Schöpfung ins Handwerk.
Wir können Schönheit nicht schaffen, wir verbessern nur. Schönheit entsteht aus der Schöpfung, aus Evolution und Fortpflanzung. Schönheitschirurgie ist sowieso ein anmassender Titel. Wenn ich ein Unfallopfer operiere mit zerschnittenem Gesicht, das danach wieder menschlicher ausschaut, habe ich nicht Schönheit kreiert, sondern habe rekonstruiert.
Sie haben in ihrer Branche aber mit Imageproblemen zu kämpfen.
Es gibt Skepsis und Vorurteile. Anders als in den USA. Da steht man Äusserlichkeiten viel unverkrampfter gegenüber. Schönheit ist dort ein Königsweg. Nicht nur Intelligenz, nicht nur Schaffenskraft. In der Schweiz rümpfen wir natürlich die Nase darüber. Bei uns heisst es in zwinglianischer Manier, wir sind erfolgreich, weil wir rechtschaffen sind und ordentlich. Wir sollen so sterben, wie wir geboren wurden. Man fragt mich oft, ob ich nicht Besseres tun könnte.
Ihre mehrmonatigen humanitären Einsätze, welche Sie in Kriegsgebieten leisten. Das ist doch besser!
Ich weiss es nicht. Wenn ich einen Kindersoldaten behandle, der am nächsten Tag jemanden tötet, frage ich mich, ob es nicht sinnvoller ist, in der Schweiz jemandem die Nase zu operieren. Weshalb tun Sie sich solche Einsätze denn an? Sie könnten es bequemer haben in ihrem Leben. Ich bin dankbar, in Kriegsgebieten zu arbeiten. Da trage ich einen kleinen Teil dazu bei, dass es den Menschen besser geht. Sie sind schon mit einem ganz kleinen Eingriff zufrieden und der wenigen Aufmerksamkeit, welche man ihnen zukommen lassen kann. Es geht einem natürlich an die Substanz, zu sehen, wie die Bevölkerung leidet, mitzuerleben, welche Traumatisierungen der Krieg verursacht hat, die Angst um die Existenz, die Verluste.
Haben Sie selber keine Angst?
Angst habe ich nicht, doch das Risiko ist grösser geworden. Unsere Situation auf dem Feld hat sich massiv verschlechtert in den letzten zehn Jahren, auch wenn Hilfsorganisationen das von sich weisen. Wir verzeichnen unter uns Helfern viel mehr Verluste, weil sich die Formen des Krieges verändert haben. Es gibt weniger internationale Konflikte von Staaten, in welchen Armeen gegeneinander antreten, welche mehr oder weniger die Genfer Konvention berücksichtigen. Wir haben es heute vorwiegend mit Wegelagerern, Paramilizen und Banditen zu tun. Diese kümmern sich einen Deut um das Völkerrecht. Deshalb engagiere ich mich in einem Projekt für einen bewaffneten Schutz der humanitären Arbeit. Dieser soll nicht durch das Militär geschehen, sondern in Form einer zivilen Sicherheitsbehörde, welche sich den humanitären Prinzipien unterwirft und unparteilich humanitäre Arbeit im Feld schützt.
Ihre Praxis in Zürich und ein Kriegslazarett, wie können Sie diese beiden Welten vereinbaren?
Es sind tatsächlich Welten. Aber manchmal kommen sie auch zusammen. Einmal fragte mich eine bosnische Krankenschwester in Sarajewo – wir hatten eben eine Bombardierung überstanden und die Operation eines Schwerverletzten hinter uns – ob ich ihre Brüste verkleinern würde. Ich dachte, ich höre nicht recht, aber der Kampf um das Leben des Patienten war gewonnen. Da rückte für die Krankenschwester ein Wunsch, den sie schon immer mit sich trug, wieder in den Vordergrund. Nicht überlebenswichtig, aber wichtig für sie.
Bei so viel Wertschätzung unseres Äusseren, käme unserer immer älter werdenden Gesellschaft ein Jungbrunnen schon gelegen. Gibt es Hoffnung?
Immerhin steigen heute Sechzigjährige auf den Himalaya und machen Bungee-Jumping. Eine Folge unserer gesunden Lebensbedingungen und des medizinischen Fortschrittes. Ein gesunder Körper und ein gesunder Geist allein werden dem Menschen der Zukunft jedoch nicht reichen. Er will auch eine Hülle, welche dies reflektiert. Es wird ihm gelingen über Medikamente, welche beispielsweise die Zellteilung stoppen, den Zerfall der Elastizität, den Abbau des Skelettes. Es würde mich nicht überraschen, wenn alle eines Tages mit vierzig Jahren noch aussähen wie mit fünfundzwanzig.
Eine homogene Gesellschaft von alten Kindern?
Ich hoffe nicht, denn das wäre der Tod unserer Gesellschaft. Sie hat überlebt aufgrund ihrer Heterogenität.
Enrique Steiger führt in Zürich eine Praxis für Ästhetische und Plastische Chirurgie und leistet jedes Jahr humanitäre Einsätze als Kriegsarzt. 


