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Artikel - Jean-Michel Cina, Regierungsrat VS
Die Kunst des Jonglierens
Letzthin war ich mal wieder in Bern. Bern ist unsere Hauptstadt. Bern ist Sitz des Parlaments. Doch das interessierte mich an diesem kalten Wintertag – es war der letzte Montag des Monats November – überhaupt nicht. Ich wollte hören, was das Volk bewegt. An einer Strassenecke sah ich eine Ansammlung von Menschen. Neugierig gesellte ich mich dazu und sah dort einen Jongleur. Gespannt beobachteten wir – das stehen gebliebene Volk – die Künste des sehr begabten Jongleurs. Vier Keulen wirbelten gleichzeitig durch die Luft. Auf jeder einzelnen, weissen Keule prangte in hellem Rot eine Aufschrift: Volkssouveränität, direkte Demokratie, Rechtsstaatlichkeit, Religionsfreiheit. Alle diese Keulen wogen gleich schwer. Es war für den Jongleur wichtig, dass diese nicht unterschiedliches Gewicht hatten. Der Jonglierakt wäre ansonsten noch schwieriger geworden.
Mal war die Volksouveränität oben, mal die direkte Demokratie, mal die Rechtsstaatlichkeit, mal die Religionsfreiheit. Alle Keulen flogen gleichzeitig durch die Luft. Plötzlich geschah etwas. Der Jongleur kam aus dem Rhythmus. Alle Keulen flogen zu Boden. Irgendwas schien den Jongleur in seiner Konzentrationsfähigkeit zu stören. Ich folgte seinem Blick. Alle zusammen starrten wir auf das Schild. «Es ist in der Schweiz unter dem Straftatbestand der Volksverhetzung verboten, mit vier Keulen gleichzeitig zu jonglieren». Fragende Gesichter. Fassungslosigkeit. Dann die helle Stimme eines kleinen Jungen: «Aber Jonglieren mit zwei Keulen ist doch keine Kunst». 


