Ausgabe 1 / 2012


Artikel - Elisabeth Bürki-Huggler, Spitalpfarrerin in Thun

Rose von Jericho

«Das ist mein liebstes Geschenk», sagt Herr K. und zeigt auf eine verdorrt wirkende, faustgrosse Kugel, die sich hinter den Zeitschriften, Fruchtsäften und Pralinen auf seinem Nachttisch zu verbergen scheint. «Es ist eine Rose von Jericho», fügt er bei und schaut mich an. «Das ist eine Wüstenpflanze. Der Wind rollt sie durch die Steppe. Zusammengekugelt hält sie Kälte, Hitze und Einsamkeit aus. Wenn sie aber auf Wasser stösst, wird aus der Faust eine offene Hand, aus der dürren Kugel eine schöne grüne Rosette. Und genau das habe ich nötig: solche kleinen Wunder mitten in meiner Wüste.» Er legt mir die Rose von Jericho in die Hand, lehnt sich ins Kissen zurück und schliesst die Augen. «Bleiben Sie noch einen Moment hier – auch wenn ich nicht mehr sprechen mag?» Ich nicke. Im Spitalzimmer breitet sich eine gute Stille aus. Es ist Abend. Im Fenster spiegeln sich die Lichter der Stadt. Vom Einkaufsrummel ist nichts zu spüren. Die Gedanken gehen ihre eigenen Wege.  

Ob ich etwas über den Sinn und Wert von Geschenken bei kranken Menschen schreiben könne, wurde ich angefragt. Ich habe zugesagt und deshalb im Herkunftswörterbuch nachgeschlagen, woher das Wort Geschenk kommt. Es kommt von Schenke. Und in der Schenke wird eingeschenkt. Schenken kommt also ursprünglich von einschenken, zu trinken geben. Das hatte ich nicht gewusst. Mit einem Geschenk überbringen wir Lebenswasser*. Ich halte die Wüstenpflanze, die Rose von Jericho, in der Hand und beginne Zusammenhänge zu ahnen. Liebe Leserin, lieber Leser, Sie möchten sinnvoll schenken. Gerade in der Adventszeit. Und gerade auch am Krankenbett. Aber wie schenkt man Lebenswasser? So dass sich kleine Wunder mitten in der Wüste ereignen können? Was hat Ihnen gut getan, als Sie selbst krank waren – und was könnte Ihrem kranken Mitmenschen gut tun? Was meinen Sie?

Ich zähle einige unscheinbare «Geschenke» auf, die es aber in sich haben: Offen und achtsam da sein. Konzentriert, aber nicht aufdringlich. Nichts wollen. Keine Ratschläge geben. Anteil nehmen am Ergehen, am Wesen des andern, ohne neugierig zu sein. Schweigen können. Zeit haben. Und spüren, wann es gut ist, wieder zu gehen. Bitte vervollständigen Sie diese Liste! Ich bin sicher, Sie finden noch eine ganze Reihe solcher Geschenke, die man nirgends kaufen kann – die aber trotzdem (oder gerade deshalb?) gut ankommen. 

Ich lege die Rose von Jericho sorgfältig zurück auf den Nachttisch. «Würden Sie sie bitte in eine Schale mit Wasser stellen?» Herr K. hat die Augen wieder geöffnet und lächelt mir verschmitzt zu. «Bei Ihrem nächsten Besuch wird sie dann grün sein.» Während ich das Wasser langsam in die Schale laufen lasse, wird mir bewusst, dass das ganz ohne menschliches Zutun geschehen wird. Wie so manches kleine Wunder. Und das empfinde ich wiederum als sehr entlastend und echt weihnächtlich. 

*Lebenswasser finden wir auch in der Bibel. Ich möchte Ihnen dazu drei faszinierende Stellen angeben: Jesaja 12,3/ Johannesevangelium 4,14/ Offenbarung 21,6. Gönnen Sie sich die Zeit, diese Bibelstellen nachzuschlagen und zu meditieren. Ich finde, es lohnt sich. Für Sie und die Menschen, die Sie beschenken möchten. 


» Kommentar verfassen


 
http://www.die-politik.ch/de/aktuelle-ausgabe/artikel/504_rose-von-jericho/
30-Oct-2009, 10:44 AM
© DIE POLITIK