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Artikel - Heinzpeter Znoj, Institut für Sozialanthropologie, Universität Bern
Moderne Geschenke und archaische Gaben
Das Annehmen und Überreichen von Geschenken ist eine rituelle Form des Austausches, die an vorgeldwirtschaftliche Praktiken des Gabentausches erinnert. Doch wie ähnlich sind sich «Gaben» und «Geschenke» wirklich? Sind unsere Geschenke eine «archaische» oder eine moderne Praxis?
Der amerikanische Anthropologe Franz Boas beschrieb zu Beginn des 20. Jahrhunderts wie die Chiefs des Kwakiutl-Volkes in British Columbia sich mit masslosen Gaben an ihre Gäste gegenseitig zu überbieten versuchten. Sie überreichten ihnen mehr Kanus, Wolldecken, Nähmaschinen und Grammophone als sie selbst bei früheren Gelegenheiten von ihnen erhalten hatten. Die Potlatch-Gaben feste wurden anlässlich von Titelverleihungen ausgerichtet. Die neuen Träger besonders bedeutender Titel zerstörten manchmal einen Teil der bereitgestellten Gaben, um den Gästen zu demonstrieren, dass sie zu unbedeutend und schwach seien, ihre Gaben zu empfangen. Bronislaw Malinowski, ein polnisch-britischer Anthropologe entdeckte zur selben Zeit während seiner jahrelangen Feldforschung auf den Trobriand-Inseln in Papua-Neuguinea, dass die dortigen Big Men miteinander einen komplizierten Gabentausch (Kula) unterhielten. Sie bildeten jeweils lebenslange Tauschpartnerschaften mit mehreren andern Big Men, die wiederum weitere Tauschpartner hatten. Sie erhielten von den einen Muschelketten, von den anderen Armreifen. Die erhaltenen Muschelketten erwiderten sie mit Gaben von Armreifen und umgekehrt, so dass Armreifen und Muschelketten unter ihnen immer weiter zirkulierten.
Gesellschaftliche Funktion
In beiden Fällen, so analysierte später Marcel Mauss in seinem berühmten Werk über die archaische Gabe, erfüllen die Gaben eine gesellschaftliche Funktion. Sie bestätigen Allianzen, markieren den Status von Gebern und Empfängern und stiften Frieden in Gesellschaften, in denen kein Staat existiert und wo Kriege deshalb nur innerhalb von Bündnissen dauerhaft verhindert werden können. Neben dem rituellen Austausch von Gaben existiert in solchen Gesellschaften in geringem Umfang auch ökonomisch motivierter Austausch, in dem nicht die soziale Beziehung unter den Tauschpartnern, sondern der Nutzen der getauschten Güter im Vordergrund steht. Auch unsere Geschenke haben primär eine soziale Bedeutung. Wir beschenken uns im Allgemeinen innerhalb von Familie und Verwandtschaft und bekräftigen so unsere engsten Beziehungen auf rituelle Weise. Auch ausgewählte Freundinnen und Freunde und Arbeitskolleginnen und -kollegen beschenken wir rituell an Geburts- und Jahrestagen, um emotionale Verbundenheit auszudrücken. Doch die Art der Beziehung, welche Gaben und Geschenke ausdrücken sind unterschiedlich: Gaben repräsentieren politische und diplomatische und in jedem Fall öffentliche Beziehungen, während Geschenke intime und affektive Beziehungen ausdrücken, die meist auf den privaten Bereich beschränkt bleiben.
Gaben erwidern
Ein bedeutender Unterschied besteht auch darin, dass wir erhaltene Geschenke behalten dürfen und auch müssen, während erhaltene Potlatch- und Kula-Gaben weitergegeben werden können oder auch müssen. Ein trobriandischer Big Man muss jede im Kula erhaltene Halskette an einen seiner Tauschpartner weitergeben – allerdings nicht zu rasch, um den Geber nicht zu beleidigen, und auch nicht zu spät, um den Empfänger nicht zu verärgern. Es braucht hier ein spezifisches Taktgefühl, das uns auch aus der Geschenkpraxis nicht fremd ist: ein spontan erhaltenes Geschenk darf man nicht sofort erwidern, aber man sollte auch nicht zu lange mit einem Gegengeschenk warten. Ganz anders beim Kaufen und Verkaufen: je rascher Käufer und Verkäufer quitt sind, desto besser. Bei Gaben und Geschenken eilt die Erwiderung deshalb nicht, weil es darum geht, Grosszügigkeit zu demonstrieren. Dazu gehört auch, offene «Schulden» aushalten zu können und deshalb auch keinesfalls Geschenk und Gegengeschenk genau gegeneinander aufzurechnen. Interes ant sind schliesslich auch noch die unterschiedlichen Techniken der Übergabe von Gaben und Geschenken. Malinowski beschrieb die Art, wie Halsketten und Armreifen im Kula gegeben wurden wie folgt: «Die Gabe wird prahlerisch und in der Öffentlichkeit übergeben. Der Ausdruck der Eingeborenen, eine Wertsache zu ‹werfen›, beschreibt das Wesen dieser Handlung zutreffend. Denn obwohl der Wertgegenstand vom Gebenden ausgehändigt werden muss, nimmt der Empfänger kaum Notiz von ihm und erhält ihn selten tatsächlich in die Hand. Die Etikette der Transaktion erfordert, dass die Gabe in einer spontanen, schroffen, fast ärgerlichen Weise übergeben und mit entsprechender Gleichgültigkeit und Geringschätzung empfangen werden soll.» Ähnlich beschreibt Boas die Begleitumstände bei der Überreichung von Gaben im Potlatch: Sowohl Geber als auch Empfänger führen auftrumpfende Reden und lassen die Gaben selbst, so aufwändig sie auch sein mögen, als nebensächlich erscheinen. Für eine Kula- oder Potlatch-Gabe würde man sich niemals bedanken.
Geschenk gleich Beziehung
Unsere Geschenke werden dagegen meist von Hand zu Hand überreicht und der oder die Beschenkte muss sich sogleich freudig überrascht bedanken. Geschenke werden sorgfältig verpackt, um einen zweiten Überraschungseffekt beim Auspackenden zu erzielen. Ein Geschenk muss zum Beschenkten passen – und es muss die Beziehung zwischen Schenkendem und Beschenktem angemessen ausdrücken: es soll weder zu billig noch zu teuer sein; es soll eine Eltern-Kind-Beziehung, eine zwischen Liebenden oder eine zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer symbolisch bezeichnen. Geldgeschenke haben deshalb immer etwas Anrüchiges: Geld ist unpersönlich und man bewahrt auch geschenktes Geld nicht ein Leben lang auf. Gewöhnlich gibt man Geld daher mit der Aufforderung an den Beschenkten, sich etwas Schönes dafür zu kaufen, oder in Form von Gutscheinen für Bücher, Kleider oder Kinobesuche. Geschenke richtig zu machen und zu empfangen erfordert somit eine hohe soziale Kompetenz und jenes Taktgefühl, das das Befolgen einer Regel zugleich als äusserste Spontaneität erscheinen lässt.
Unsere Geschenke teilen somit mit archaischen Gaben die beziehungsstiftende und bestätigende Eigenschaft, jedoch auf einer weit weniger öffentlichen und politischen Ebene, nämlich im privaten Bereich. Anders als «archaische» Gaben müssen sie zum Empfänger «passen» und von diesem behalten werden und sind somit letztlich Ausdruck unserer individualistischen Gesellschaft. Tatsächlich kommen Geschenke, wie wir sie kennen, in traditionellen Gesellschaften nicht vor. Als nicht-ökonomischer ritueller Austausch symbolisieren sie jene Beziehungen, in welche die Zweckrationalität der Geldwirtschaft nicht vordringen darf. 


