
Interview mit Franz Jaeger - Lilly Toriola
Euro am Ende?
Franz Jaeger, Sie standen der Einführung des Euros von Beginn weg kritisch gegenüber, haben ihn einst als «Schönwetterwährung» bezeichnet. Ihre Prophezeiungen haben sich inzwischen bewahrheitet…
Die Währungsunion ist ein äusserst ambitiöses Projekt, das in der «Schönwetterperiode» zwischen 2000 bis 2009 gut funktioniert hat. Die globalen Schocks der Finanzkrise haben das ganze System aber aufbrechen lassen. Die konzeptionellen Konstruktionsfehler, die von Anfang an bestanden, sind nun in ihrer ganzen Brutalität zum Vorschein getreten. Es hat sich gezeigt, dass die südlichen Länder viel weniger wettbewerbsfähig sind und zum Teil – in Griechenland wurde dies in Extremstform praktiziert – weit über ihre Verhältnisse leben. Heute befindet sich der Euro in einem sehr prekären Zustand, die Währungsunion sitzt in der Schuldenfalle.
Wo liegt die Grundproblematik der europäischen Währungsunion?
Der Aufbau der «Konstruktion Euro» wurde völlig falsch angepackt. Das was alle anderen integrierten Währungsräume gemacht hab n, nämlich zuerst eine gemeinsame Politik zu schaffen, wurde versäumt. Aus historischen Gründen wollte man mit der Einführung des Euros nicht warten, bis eine politische Union bestand. Man war ungeduldig und hat das Pferd vom Schwanz her aufgezäumt. Um eine Währungsunion nachhaltig überlebensfähig zu machen, ist eine politische Union als Basis aber unabdingbar. Nur so wäre Europa in der Lage gewesen in Krisensituationen als starke Einheit zu funktionieren. Mit einer politischen Union hätten die Schwierigkeiten, beispielsweise mit einem institutionalisierten Finanzausgleichsssystem, weitaus besser gehandhabt und das Auseinanderbrechen von Ländern und einzelnen Teilwirtschaftsräumen verhindert werden können. Wie wichtig eine gemeinsame Politik ist, zeigt sich am Beispiel der der USA und der Schweiz, die beide in der Lage sind, mit makroökonomischen Spannungen umzugehen.
Gerade die USA ist allerdings weitaus weniger vielfältig als Europa. Ist der Euro letztlich an der Vielfalt seiner Mitgliedsstaaten gescheiter ?
Die 16 Euro-Mitgliedsstaaten unterscheiden sich hinsichtlich ihrem Staatsverständnis, ihrer Wirtschaftsstruktur, dem Wohlstandsniveau, der Kultur und Mentalität – gerade auch was das Schulden machen betrifft – sehr stark. Und was sich heute immer mehr zeigt; auch hinsichtlich ihrem ökonomischen Potenzial, der Wachstumskraft und der internationalen Wettbewerbsfähigkeit. Deshalb bestehen in den verschiedenen nationalen Wirtschaftsräumen völlig unterschiedliche wirtschaftspolitische Prioritäten. Diese Differenzen blieben unberücksichtigt. Stattdessen wurde die monetäre Stabilitätspolitik über einen Leisten geschlagen und die Länder einfach unter ein gemeinsames Währungsregime gestellt. Mit dem Resultat, dass der Traum vom Euro als eine Weltwährung nun für viele Jahre begraben werden muss.
Hätte eine Einführung des Euros unter anderen Vorzeichen funktionieren können, oder ist Europa letztlich gar nicht für eine Währungsunion geeignet?
Der Euro ist ein visionäres Projekt, das an sich einen grossen historischen Wert und die Integration in Europa weiter voran getrieben hat. Es ist klar, dass der Euro ökonomisch immense Vorteile bringt, gerade, was den Binnenmarkt angeht. Und er ist eine mögliche Konkurrenzwährung zum US-Dollar und Yen, der weiter an Bedeutung gewinnen wird. Die Idee Euro wäre an sich gut, deren Umsetzung aber falsch. Gerade das Beispiel Schweiz zeigt, dass ein Wechsel zu einem gemeinsamen System machbar ist, sofern gewisse Grundbedingungen erfüllt sind. Als die 24 Kantone 1798 von den kantonalen Währungen zum Schweizer Franken gewechselt haben, waren die Unterschiede enorm. Die Umsetzung war dennoch ein Erfolg. Ein integrierter Währungsraum muss Schritt für Schritt realisiert werden. Ist dies nicht der Fall, droht ein Debakel.
Ist die europäische Gemeinschaftswährung am Ende?
Ich bin überzeugt, dass der Euro gerettet werden kann, wenn unter den 16 Euro-Landmitgliedern der Wille da ist, gemeinsame Prioritäten zu schaffen. Es braucht strukturelle Änderungen in der Wirtschaftspolitik zur Verbesserung der ettbewerbsfähigkeit. In gewissen Ländern Südeuropas sind die Löhne im Vergleich zur Produktivität nach wie vor zu hoch. Die Löhne müssen dort nach unten angepasst werden. Das ist zwar schmerzhaft, aber unabdingbar. Die Gesundung des Euros ist ein schmerzhafter Prozess. Es braucht zudem eine Finanzpolitik, die Richtlinien unterstellt wird, die gemeinsam abgesprochen sind und strikte ein- gehalten werden. Der Stabilitätspakt muss vom rhetorischen Papiertiger zum knallharten Mechanismus umfunktioniert werden. Eine vernünftige Schuldenpolitik, also die Eliminierung von strukturellen Defiziten, muss absolute Priorität haben. Unter diesen Umständen wäre eine Netto-Verschuldung von Staaten gar nicht mehr möglich.
Wie sehen Sie die Zukunft des Euro?
Die Zukunft des Euros hängt wesentlich von der politischen Entwicklung ab. Sind die beiden vorhin genannten Voraussetzungen aber erfüllt – werden die Strukturreform in Europa gegen jeglichen politischen Widerstand durchgesetzt und die finanzpolitische Disziplin eingehalte – dann sehe ich für den Euro, nach einer langen Zeit des Darbens, Licht am Ende des Tunnels. Diese Phase wird sicher drei bis vier Jahre dauern. Findet dieser Prozess nicht statt, wird der Euro früher oder später sterben.
Franz Jaeger ist emeritierter Professor für Wirtschaftspolitik an der Universität St. Gallen. 

