Ausgabe 7 / 2010


Artikel - Pirmin Bischof, Nationalrat, Mitglied der Wirtschaftskommission

Wenn uns der Laden um die Ohren fliegt

War es Zufall, dass ausgerechnet während der Euro- und Finanzkrise ein isländischer Vulkan ausbrach und den Flugverkehr in halb Europa lahmlegte? Oder besteht da vielleicht ein innerer Zusammenhang?

Tatsächlich nannten ja verschiedene Banken einen «Finanz-Tsunami», der über die Branche hereingebrochen sei, als Grund für die weltweite Finanzkrise. Ist die Finanzkrise gleichsam eine Naturkatastrophe? War es ein Naturereignis, dass weltweit Banken zusammenbrachen und von den Staaten gerettet werden mussten und dass sich in der Folge die Staaten verschuldeten und teilweise selbst an den Rand des Staatsbankrottes gerieten?

Nein, die weltweite Finanzkrise war keine Naturkatastrophe. Im Gegensatz zu Vulkanausbrüchen und Erdbeben ist sie von Menschenhand verursacht worden. Und die Menschen haben es auch in der Hand, solche selbst verursachten Katastrophen künftig zu vermeiden. Oder besser gesagt: Sie hätten es in der Hand. Dazu wäre aber nötig, dass die Entscheidungsträger nach dem Fast-Kollaps mit aller Kraft und ohne Scheuklappen die Ursachen für die «Naturkatastrophe» suchen und beheben:

  • Der amerikanische Hypothekenmarkt ist durch Instrumente wie Verbriefungen zu einer gigantischen Blase aufgeplustert worden. Millionen von Anlegern und Pensionskassen hatten Milliarden-«Werte» in ihrem Vermögen, die eben keine Werte waren. Blasen gab es in der Geschichte immer, etwa die skurrile europaweite Spekulation mit holländischen Blumenzwiebeln im 17. Jahrhundert. Menschen sind offenbar bereit, in der Hoffnung auf grossen Gewinn praktisch jeden Unsinn zu glauben. Neu war aber, dass die «Profis» der Branche, die Banken, die Blase nach Kräften geschürt und damit Milliardengewinne erzielt haben, unterstützt von «neutralen», aber von den Verursachern bezahlten, sogenannten Rating-Agenturen, die dem Schrott echten Wert bescheinigten. Hier ist Handlungsbedarf!
  • Die Löhne und Boni vieler Manager gerade in Grossbanken richteten sich nach den erzielten Umsätzen, nicht aber nach den Risiken. Dahinter stand der Wunsch und die Gier einiger Spitzenmanager, «die grösste Bank der Welt zu werden». Grössenwahn, Hybris genannt, war im alten Griechenland eine Form der Gotteslästerung… So wurden (und werden
    teilweise!) Banker dafür belohnt, dass sie unkalkulierbare Risiken ihrer eigenen Bank in die Bücher und den eigenen Kunden in die Depots luden. Verantwortungsbewusstsein gegenüber den eigenen Aktionären und sogar den eigenen Kunden wurde geradezu bestraft. Hier besteht Handlungsbedarf!
  • Und schliesslich haben die Notenbanken das Geld weltweit so billig gemacht, dass es sich immer mehr lohnte, sich zu verschulden. Für Hausbesitzer, für Konsumenten, aber auch für Banken und sogar für Staaten. Sich hemmungslos zu verschulden war (und ist) billig. Warum soll ich es nicht tun? Die Frage, wer das bezahlen wird, ist irgendwie verstaubt und unmodern. Tatsache ist aber: Jeder Schuldenfranken muss jemand einmal bezahlen. Wenn nicht wir, dann unsere Kinder. Wir haben vergessen oder verdrängt, dass unsere Eltern und Grosseltern uns zum Sparen erzogen haben. Erinnern wir uns wieder daran. Auch hier besteht Handlungsbedarf!

Nein, die Finanzkrise ist keine Naturkatastrophe. Wir Menschen haben es in der Hand, solche Krisen zu vermeiden. Und weil wir es in Händen haben, dürfen wir die Hände nicht in den Schoss legen.


» Kommentar verfassen


 
http://www.die-politik.ch/de/aktuelle-ausgabe/artikel/181_wenn-uns-der-laden-um-die-ohren-fliegt/
30-Oct-2009, 10:44 AM
© DIE POLITIK