Ausgabe 7 / 2010


Artikel - Reto Knutti , Professor für Klimaphysik an der ETH Zürich

Die Kohlendioxid-Eruption

Unglaubliche dreissig Milliarden Tonnen Kohlendioxid bläst er in die Luft. Nein, nicht der isländische Vulkan Eyjafjallajökull, sondern der Mensch, und zwar Jahr für Jahr. Viele betrachten dies inzwischen als Normalzustand. Geologisch gesehen ist es jedoch eine gewaltige Eruption, ein Hammerschlag für das Klima. Die Menge Kohlendioxid (CO2) in der Luft ändert sich heute viel schneller, als dies sogar in den geologisch abrupten Klimaübergängen von Eiszeiten zu Warmzeiten vor Hunderttausenden von Jahren der Fall war. 

Die Folgen unseres Handelns sind nicht ausgeblieben. Die Temperaturen steigen, der Wasserkreislauf ändert sich, Extremereignisse häufen sich, der Meeresspiegel steigt, Meereis und Gletscher schmelzen. Die Folgen für Ökosysteme, Wasser, Ernährung, Gesundheit und Infrastruktur sind vielfältig, aber mehrheitlich negativ. Ohne Intervention zum Klimaschutz würden die Temperaturen bis Ende es Jahrhunderts um bis zu sechs Grad Celsius ansteigen. Wenn sie einmal auf diesem Niveau angelangt sind, dann wird  er grösste Teil der Klimaänderung selbst bei massivsten Emissionsreduktionen über Jahrhunderte nicht verschwinden.

80 bis 95 Prozent weniger Emissionen bis 2050?

Die Forschung kann und darf nicht alleine bestimmen, welchen Weg wir in Zukunft einschlagen. Sie kann jedoch verschiedene Szenarien und ihre Konsequenzen aufzeigen. Eines ist das von der EU und der Schweiz angestrebte Ziel von höchstens 2 Grad globaler Erwärmung, über das man sich vor der Klimakonferenz in Kopenhagen einig war. Dafür müsste der CO2-Ausstoss bis 2050 (gegenüber 1990) weltweit mindestens halbiert werden. Für die industrialisierten Länder bedeutet dies eine Reduktion der Emissionen von 80 bis 95 Prozent. Dies bei geschätzter gleichzeitiger Verdreifachung des weltweiten Energiebedarfs. Die vorgeschlagenen CO2-Emissionsreduktionen aller Länder sind weit von diesen Vorgaben entfernt. Man ist sich also einig über das Ziel, aber nicht wie man dorthin kommt.

Keine einfache Lösung

Warum ist das Problem so komplex? Mögliche Antworten gibt es v ele. Verschiedene Menschen haben unterschiedliche Wertvorstellungen. Es gibt auch keine einfache technische Lösung für das Problem, wie es beim Ozonloch zum Beispiel der Fall war. Eine Vielzahl von Massnahmen wäre nötig. Zudem ist es ein globales Problem, bei dem die Anstrengung jedes Einzelnen allen zu Gute kommt und egoistisches Denken nicht weit führt. Man kann es als Verteilungsproblem verstehen: die erlaubte Menge CO2 ist beschränkt, und wir müssen sie nicht nur unter den Ländern heute, sondern auch noch über das nächste Jahrhundert mit den folgenden Generationen teilen. Generationen, die noch gar  nicht geboren sind und in den Verhandlungen keine Stimme haben.

Sei es die Finanzkrise, die Ölpest im Golf von Mexiko oder das Klimaproblem; sie alle zeigen, dass eine sorgfältige, nachhaltige und langfristige Perspektive auf Kosten, Nutzen, Risiken und Werte nicht die Stärke unserer Gesellschaft und Wirtschaft ist. Aber es gibt offensichtlich gute Gründe dafür, dies zu überdenken. 


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30-Oct-2009, 10:44 AM
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